Zum 60-jährigen Jubiläum der Olympischen Winterspiele 1964 in Innsbruck hat Horst Eder noch gute Erinnerungen an dieses große Ereignis.

 

Beim Bundesheer in Absam mit Pepi Gurschler

Musterung im Winter 1963, tauglich „zum Dienst mit der Waffe“, möglichst baldiger Einrückungstermin, also 1.7.1963. Die Einberufung erfolgt für Absam, 22. Jägerbataillon, 1. Kompanie. In derselben Gruppe, in derselben Stube ist noch ein „Sainihånser“, der Gurschler Pepi. So absolvieren wir also drei Monate Grundausbildung mit viel Sport, Exerzieren, langen Märschen und etwas Drill. Der sportliche Teil macht weder dem begeisterten und durchtrainierten Fußballer Pepi noch mir als Bergsteiger etwas aus, Kondition ist bei beiden genügend vorhanden.
Eine kleine Episode: Einer unserer Sport-Unteroffiziere ist der damals international bekannte Alpinist Felix Kuen, der die schwierigsten Alpenwände in Fels und Eis – meist mit seinem Partner Werner Haim – bezwungen hatte. Mit ihm geht es also auf die neu errichtete Hindernisbahn in Absam mit ihren Anforderungen und Tücken. Ein Hindernis verlangt einem schon etwas Mühe ab, aber auch Geschick: der „Irische Tisch“, 2m hoch, 45 cm breit. Für uns Kleinere wie dem Pepi und mich ist’s noch etwas schwieriger, aber wir schaffen’s gut. Nur der Spitzenalpinist Felix Kuen kommt nicht drüber, vor der versammelten Gruppe absolviert er einen verkrampften Versuch nach dem anderen, aber er gibt nicht auf, er schafft’s dann doch beim fünften oder sechsten Mal und gratuliert dem Pepi, der es auf Anhieb geschafft hat.

Auf zu den Olympischen Spielen 1964!

Nach der Grundausbildung in Absam führt unser Weg nach Kufstein oder nach St. Johann, also zum Jägerbataillon 21. Ich lande bei der Stabskompanie in Kufstein, beim „Tel-Zug“, also bei den Funkern und Fernsprechern. Und hier erfahren wir, dass das gesamte Jägerbataillon 21 in den Raum Innsbruck zu den Vorbereitungen der 9. Olympischen Winterspiele verlegt wird, ein Glücksfall, den wir unserem Einrückungstermin verdanken. Es sind also sehr viele Rekruten aus unserer Gegend dabei, natürlich auch das gesamte Kaderpersonal. Unser Quartier wird die Straubkaserne in Hall. Im Dezember sind wir in Innsbruck beschäftigt, einen Uni-Rohbau zu einem Pressezentrum zu adaptieren; die Fenster werden mit Folie abgedeckt, auf die Betonböden wird billiger Stragulabelag verlegt, die Schreibtische für die Reporter sind denkbar einfach: das Gestell von alten Nähmaschinen mit einer Spanplatte obendrauf. Heute würde man diesen Zustand „spartanisch“, wenn nicht „primitiv“ nennen. Die Übermittlung der Texte erfolgt dann für die Berichterstatter per Telefon oder Fernschreiber (Telex) von der Innsbrucker Hauptpost aus. Handy, Smartphone und andere Datenübertragungen waren zu dieser Zeit noch Jahrzehnte entfernt!

Loipenbau in Seefeld

Im Jänner wird’s für uns interessanter; unser neues Betätigungsfeld wird der Nordische Bereich am Seefelder Plateau. Die ersten Tage erfolgt unser Transport auf der Ladefläche der GMC-Lkws, nicht angenehm der lange Weg von Hall über den Zirler Berg nach Seefeld, und das bei großer Kälte. Dann hat man ein Einsehen, wir werden in geheizten Bussen hinauf nach Seefeld gebracht.
Unsere Aufgabe in Seefeld: olympische Loipen herstellen – und kein Schnee vorhanden! Insgesamt wurden nicht weniger als 40.000 Kubikmeter Schnee auf die olympischen Pisten und Loipen transportiert. In unserem Fall wurde mit Schneehexen, Schaufeln und Buckelkörben das kostbare Weiß in den Seefelder Wäldern zusammengekratzt und auf die aperen Wiesen aufgelegt, mir fällt die Aufgabe des „Trettelns“ zu, die olympische Loipenbreite ist ident mit der Länge des Militärskis Marke Fischer, also etwa 1,70 m. Das Wetter ist schön, keine Aussicht auf Schneefall, und der Termin kommt näher: 29. Jänner Eröffnung, die Spiele gehen dann bis 9. Februar. Und bei der Eröffnung im Berg-Isel-Stadion haben wir Glück, wir sind zum Ordnerdienst eingeteilt und sehen in bester Lage – im Vergleich zu heutigen Eröffnungsfeiern – einen sehr einfachen, aber würdigen Auftakt zu den 9. Olympischen Winterspielen in Tirol mit der Fahnenträgerin Regine Heitzer und dem Entzünder des Olympischen Feuers Josl Rieder.

Erwähnenswertes rund um Olympia 1964

Von den 1091 sportlichen Teilnehmern an Olympia 1964 waren nur 199 Frauen, diese Quote hat sich seither wesentlich verbessert. Für unser Land waren es sportlich erfolgreiche Spiele: einzigartig der Abfahrts-Dreifachsieg von Christl Haas, Edith Zimmermann und Traudl Hecher in der Axamer Lizum, der Abfahrts-Sieg von Egon Zimmer­mann am Patscherkofel, die Slalom-Goldmedaille von Pepi Stiegler und die Goldene von Feistmantl/Stengl im Rodel-Doppelsitzer. Rodeln war in Innsbruck erstmals olympische Disziplin. Österreich erreichte 12 Medaillen und belegte hinter der UdSSR Rang 2 in der Medaillenwertung. Das Wintersportland Schweiz blieb in Innsbruck ohne Medaille, auch ein Kuriosum.

Schöne Erinnerungen

Für uns Präsenzdiener war es ein Glücksfall, dass wir in das Olympiageschehen hineingeraten sind; wir haben viel gesehen und erlebt, auch an offizieller Anerkennung, z.B. mit einer Urkunde und einer Olympiamedaille, die wir nach dem Abrüsten zugesandt bekamen. Auch über eine tägliche Zusatzverpflegung (zumeist eine Konservendose oder getrocknete Bananen) und für den Ausgang schöne Anoraks mit einem gefälligen Abzeichen haben uns gefreut. Bei einem abendlichen Gasthausbesuch merkten wir, dass wir als „Bundesheerler“ einen hohen Stellenwert in der Bevölkerung hatten, wir galten fast als „Retter der Spiele“. Am Tag nach dem Großereignis, das auch international Anerkennung fand, wurde der Anorak allerdings wieder eingezogen, das Abzeichen konnten wir als Andenken behalten. Noch eines: am „Tag danach“ begann es zu schneien! Uns bleibt die Erinnerung an eine interessante Zeit im Zeichen der Olympischen Ringe.
Ein Wort noch zu den Fotos: Manchmal nahm ich meine­ treue Voigtländer-Kamera mit­ auf einen Marsch, eine Übung und auch beim Olympia-Einsatz. Ein Unteroffizier machte mich dann einmal darauf aufmerksam, dass beim Bundesheer das private Fotografieren strengstens verboten sei. Aber da war es schon zu spät, ich hoffe, dass mein Vergehen nach 6 Jahrzehnten als „verjährt“ gilt.

Horst Eder