Hildegard Hartmann aus St. Johann widmet einen Teil ihrer Zeit jenen Menschen, die Unterstützung brauchen.

Als Hildegard vor sechs Jahren in den Ruhestand ging, wollte sie ihre Zeit nicht nur mit Sport und ihrem Hobby, dem Nähen, verbringen.
In der Jugend hatte sie aus der Not eine Tugend gemacht und sich ihre Kleider selbst genäht – in einer Großfamilie aufzuwachsen war nicht immer leicht gewesen und das Geld knapp. Später schneiderte sie für ihre Familie – und sie liebte ihren Beruf als Buchhalterin. 2021 meinte ihr Tochter Birgit, sie solle sich doch einmal bei Zeitpolster melden. „Sie weiß ja, dass ich sozial eingestellt bin“, sagt die rüstige Pensionistin. Deshalb folgte sie dem Rat und war von der „Idee Zeitpolster“ sofort angetan:
Man stellt seine Zeit zur Verfügung und hilft anderen. Die Stunden, die man dafür aufwendet, werden zu einem Zeitpolster angesammelt. Sollte man selbst irgendwann Hilfe benötigen, kann man die Stunden im zuvor geleisteten Umfang in Anspruch nehmen. „Eine super Sache“, meint Hildegard, sie wurde Mitglied des Vereins. Die Stunden, die sie leistet, werden von der Vereinsverwaltung in Vorarlberg den Betreuten mit elf Euro pro Stunde berechnet und dienen als Rücklage für angesparte Stunden, Versicherung und Verwaltungskosten.
Das Team in St. Johann besteht aktuell aus 44 Betreuerinnen und Betreuern und hat seit der Gründung im Jahr 2020 bereits zirka 8.000 Stunden geleistet, Hildegard allein schon über 1.000 Stunden. Doch das ist für sie gar nicht wichtig. Dass sie die Zeit, die sie für andere aufwendet, einmal selbst in Anspruch nehmen kann, daran denkt sie (noch) nicht. „Aber man kann sich ja auch einmal verletzen. Dann ist es gut, wenn man auf Hilfe zurückgreifen kann“, räumt sie ein.

Jede Stunde zählt

Zweimal in der Woche besucht Hildegard nun ihre Klienten im Pflegeheim Oberndorf. Sie „ratscht“ oder geht mit ihnen spazieren, leistet ihnen Gesellschaft. Andere im Team haben weniger Zeit und besuchen ihre Klienten nur einmal pro Woche oder auch nur einmal im Monat. Alles ist möglich, und jede Stunde zählt. Egal, ob man sie mit Spazierengehen verbringt, ob man kurzfristig einmal Kinder betreut, bei der Gartenpflege hilft oder administrativ unterstützt. Pflege- oder Putzdienste übernimmt das Zeitpolster-Team nicht.
Wichtig ist, dass die „Chemie“ passt: Nicht jeder ist für jeden Dienst geeignet, und nicht immer passen Betreuer:innen und Betreute zusammen. „Es müssen sich alle wohlfühlen. Wenn dem nicht so ist, übernimmt ein anderes Teammitglied“, erklärt Hildegard.

Vertrauensvolle Beziehungen

Meist jedoch entstehen zwischen den Zeitpolster-Mitgliedern und ihren Betreuten vertrauensvolle Beziehungen. „Es kommt so viel zurück. Man glaubt nicht, wie dankbar die Leute sind“, sagt Hildegard mit einem Leuchten im Gesicht. Unglaublich gut fühle es sich an, den Menschen schöne, unbeschwerte Momente bescheren zu können. Sie selbst wachse an den Aufgaben, erzählt sie. Nie habe sie sich beispielsweise vorstellen können, jemanden an seinen letzten Tagen am Sterbebett zu begleiten. Und als es so weit war, habe sie festgestellt, dass es gar nicht so schwierig war. „Der Tod gehört zum Leben dazu, er trifft uns alle. Das habe ich gelernt.“
Jeden Monat findet ein Team-Meeting statt. Hildegard genießt diese Zusammenkünfte. „Es ist ein schönes Miteinander, man spürt, dass in der Gruppe viel Harmonie da ist, alle ticken gleich.“ Im Team entstehen Freundschaften, und wer allein lebt, findet Anschluss.
Wenn alles gut läuft, findet Hildegard auch Sponsoren. Jene sind immer gefragt – für das Ripperl-Essen mit dem Team, für die Finanzierung der Weihnachtsfeier, das Eisstockschießen. Ein guter Austausch untereinander sei wichtig, so Hildegard, gemeinsame Unternehmungen würden jeden fördern. Spenden werden gerne entgegengenommen und sind steuerlich absetzbar.
Was man ebenfalls sucht, sind weitere Teammitglieder: Menschen, die ihre Zeit gerne anderen zur Verfügung stellen und dabei selbst ein Zeitpolster ansammeln, das Sicherheit gibt. So, wie es Hildegard tut. Und wenn ihre Schützlinge etwas zu flicken haben oder eine Hose, die gekürzt werden muss, verbindet sich das eine mit dem anderen auf das Trefflichste.
Doris Martinz