Lorenz Linsinger wurde heuer für 70 Jahre Mitgliedschaft beim Alpenverein geehrt. Seine Liebe zu den Bergen ist eine, die niemals enden wird.
Langsamer sei er geworden beim Gehen, sagt er. Das darf er auch mit seinen 86 Jahren. Aber hinaufgehen, den Maiklsteig am Niederkaiser beispielsweise, eine Weile in die Bergwelt und ins Tal schauen, ein wenig nachdenken, und dann wieder runtergehen: Das tut Lorenz auch heute noch regelmäßig. Einmal im Jahr ist auch das Stripsenjoch noch sein Ziel. Er geht nicht mehr so schnell wie früher. Dafür mit mehr Genuss, mit mehr Dankbarkeit. „Man nimmt es anders wahr im Alter.“ Am liebsten geht er allein, in seinem Tempo. So, wie es für ihn jetzt passt. „Eigentlich bin ich ganz ein Genießer geworden“, meint er.
Als Lorenz noch ein kleiner „Stopstl“ ist, gehen gute Bergsteiger wie Lois Vigl und Hermann Buhl bei den Linsingers ein und aus. Lorenz und der Nachbarbub Johann Lichtmanegger bewundern sie grenzenlos. Sprachlos stehen sie vor den imposanten Bergbildern, mit denen Lois Vigl seine Wohnung ausgestattet hat. Als Hermann Buhl 1953 vom Nanga Parbat zurückkommt, ist er für die beiden 13-Jährigen der Held schlechthin. Es ihm eines Tages nachzutun – das ist ihr Traum.
Auch Lorenz’ Mutter hat viel für die Bergsteiger übrig. Und doch verbietet sie ihrem Sohn zunächst, Mitglied beim Alpenverein zu werden. Ihr Mann, Lorenz’ Vater, ist Bäcker gewesen und hat das Haus, in dem die Familie noch heute lebt, 1935 erworben. Hier führte er das Lebensmittelgeschäft mit der Bäckerei, als man ihn in den Krieg einzog. Er kam nicht mehr nach Hause; Lorenz hat kaum Erinnerungen an den Vater. Mutter Maria übernimmt 1946 den „Witwenfortbetrieb“ und sichert ihrer Familie das Überleben. Ihren einzigen Sohn will sie nicht an die Berge verlieren. „Das Leben ist gefährlich, so und anders“, sagt Lorenz bei unserem Gespräch bei ihm daheim. Die Mutter gibt in jener Zeit schließlich nach, er wird Mitglied beim Alpenverein und ist es noch heute.
Das Gefühl der Freiheit
1960 legt Lorenz den Meisterbrief ab, er übernimmt den Betrieb. „Zeit zum Berggehen hatte ich, weil ich es mir eingebildet habe“, erzählt er schmunzelnd. „Meine Arbeitszeit war die Nacht. Und am Vormittag war ich dahin, bevor ich mich hingelegt habe.“ Er kommt viel herum mit dem Bergsteigen, nach einer Tour freut er sich schon auf die nächste. Was ist es, das ihn so fasziniert am Bergsteigen? „Es ist einfach eine tiefe Befriedigung, wenn man einen Gipfel erklimmt“, sagt er. „Du bist schnell und flink, freust dich an deiner Kraft. Und dann das Gefühl der Freiheit auf dem Gipfel, das willst du immer und immer wieder erleben.“
Über den Alpenverein unternimmt er in jungen Jahren auch Touren ins Ausland, vor allem in die Anden. Er schätzt es, dass die Menschen dort unserer Kultur nahe sind, dieselbe Religion haben. Er lernt Spanisch an der Volkshochschule. „Wenn du gar nichts verstehst, bist schon ein armer Hund.“ Vor ein paar Jahren war er zuletzt drüben zum Reisen und Bergsteigen. „Aber jetzt ist das vorbei, das Fliegen ist mir zu anstrengend geworden.“
Lorenz findet seinen Lebensmenschen
Über die „Bergsteigerei“, wie Lorenz sie nennt, beziehungsweise über seinen Schwager, der auch beim Alpenverein ist, lernt er als junger Mann seine Frau Erika kennen. „Ich habe immer gewusst: Für das Leben, das ich führe, brauche ich eine Frau mit viel Verständnis.“ In Erika findet Lorenz einen Lebensmenschen, der seine Leidenschaft für die Berge versteht und teilt. Als fünffache Mutter fehlt ihr später aber die Zeit, ihren Mann auf seinen Touren zu begleiten. Die Schwiegermutter sorgt sich oft um den Ernährer der Familie. „Wenn es sein will, kommst du nicht aus“, sagt Lorenz damals zu ihr. „Und auf einmal bist du 70 Jahre beim Alpenverein. Weißt du, dass das ein Klacks ist? Ein Klacks, wenn es dir gut geht“, sagt er heute.
Tragische Unglücke
Als ich Lorenz nach seinen schönsten Touren frage, tut er sich schwer mit einer Antwort. So viele schöne Berge und Gipfel hat er bestiegen. Viel konkreter ist das Bild jener, die er am liebsten nie wieder sehen wollte. Die Zillertaler Alpen zum Beispiel. 1961 verunglückt dort in seiner Seilschaft ein guter Freund – Steinschlag. Er wird nur 25 Jahre alt. ,Die Zillertaler, die sehen mich nicht mehr’, denkt sich Lorenz in jenen Tagen. Aber selbst aufhören mit dem Bergsteigen? Ja, der Gedanke kommt. Seiner Mutter sagt Lorenz damals, dass er seine Leidenschaft aufgibt. Doch schon nach einem Monat geht er wieder klettern. Als ein weiterer Freund bei einer leichten Tour tödlich verunglückt, weiß er: Auch diesmal wird ihn die Tragödie nicht stoppen. Er will eigentlich ja aufhören. Doch der Sog der Berge ist stärker. „Wahnsinn“, sagt er. „Wenn der Berg ruft, kommst du nicht aus.“
50 Jahre lang meidet er die Zillertaler Alpen. Erst, als ein Höhentraining für die Anden ansteht, söhnt er sich mit ihnen aus. In Ecuador besteigt er mit einer Gruppe den 6.300 Meter hohen Chimborasso, später auch den Cerro Condoriri in Bolivien. Ein „Riskierer“, wie er sagt, ist er nie: Wenn die Verhältnisse zu unsicher sind, bricht er die Tour ab. Dennoch: Ein Restrisiko bleibt. Immer. „Da kannst du sein, wer du willst.“ Ein paar Mal entgeht Lorenz nur knapp einem gefährlichen Steinschlag. „Ich habe sagenhaftes Glück gehabt am Berg, das brauchst du. Nicht alle haben es“, resümiert er und blickt aus dem Fenster. 1961 wurde er Mitglied der Bergrettung.
Licht und Schatten
Im Alter von 65 Jahren, 2005, übergab Lorenz den Betrieb an seinen Sohn David, dem er das beste Zeugnis ausstellt. Er hätte niemals einen so guten Überblick gehabt über die vielen Mitarbeiter und die Entwicklung der Branche nicht so gut abschätzen können, wie sein Sohn, meint er anerkennend. Genießt er seinen Ruhestand? „Irgendwie schon.“ So ruhig geht er ihn aber gar nicht an, noch immer telefoniert Lorenz täglich mit seiner Stammkundschaft und nimmt ihre Bestellungen für den nächsten Tag auf. „Ich mache das gerne. Es stresst mich nicht, sondern tut mir gut, auch für den Kopf.“
Lorenz erzählt, er habe ein tolles Leben geführt und führt es noch. Doch auch das tollste Leben ist erfüllt von Licht und Schatten. Als ich ihn nach letzterem frage, stöhnt er kurz auf und deutet auf die Fotos im Eck hinter der Sitzbank. „Der Älteste und der Jüngste“, sagt er knapp, und seine Augen beginnen zu schimmern. Erika und Lorenz verloren zwei Söhne: Den Ältesten von insgesamt vier Buben bei einem Autounfall, der jüngste starb an einer Gehirnblutung, just an dem Tag, an dem er zur Bäcker-Meisterprüfung antrat. Zwanzig Jahre ist es her, aber der Schmerz über den Verlust kommt immer wieder. Hilft das Berggehen? „Vielleicht schon, ja. Am besten geht man allein.“
Genuss und Ehrgeiz
Bei der Feier anlässlich seiner 70 Jahre Vereinsmitgliedschaft beim Alpenverein, Sektion Wilder Kaiser, wurde Lorenz bewusst, wie viele Obmänner er in den Jahrzehnten erlebt hatte. „Alles so tolle Leute!“ Mit der Boulderhalle wurde er nie warm, auch nicht mit Klettergärten und -steigen. „Das ist alles gut, aber nicht für mich. Ich muss raus ins Gelände!“, sagt er noch heute.
Rückblickend: Was ist für Lorenz das Wichtigste im Leben? „Dass man zufrieden ist“, antwortet er. Manches hätte man vielleicht besser machen können, gibt er zu. „Aber wer weiß, hättest halt einen anderen Blödsinn gemacht.“
So manches Mal machen sich Erika und Lorenz jetzt gemeinsam auf den Weg. Wenn seine Frau langsamer ist als er, wartet er, er nimmt Rücksicht. So lange habe sie Rücksicht auf ihn genommen, weiß er, jetzt sei es an ihm. Geht es nicht auf den Berg, radelt Lorenz auch gerne. Ohne Motor, wie er betont. Auf seiner Bichlach-Runde ist er eineinhalb Stunden unterwegs: „Das passt gut, nachlassen darf man nicht.“ Mag sein, dass er seine Touren jetzt bewusster genießt. Aber da ist immer auch noch Ehrgeiz. Es ist wohl die Kombination aus beidem, die ihn als Bergsteiger ausmacht. Auch mit 86 Jahren noch.
Doris Martinz
