Betagte Menschen müssen immer länger daheim zurechtkommen. Wie das gelingen kann, wissen Dagmar und Manuela.

Es passierte in einer Gemeinde in Österreich: Ein alter, gebrechlicher Mann wurde von Angehörigen in seinem Rollstuhl ins Gemeindeamt geschoben – mit der Forderung, dass man sich um ihn kümmere. Die Familie, so die Argumentation, könne die Pflege nicht übernehmen, und ein Platz im Pflegeheim sei nicht zu bekommen. Der Fall wirft viele Fragen auf. Natürlich auch jene, ob die Gemeinde tatsächlich verpflichtet ist, der Forderung nachzukommen.
„Ist sie nicht“, weiß Dagmar Stöckl-Berger, Pflegedienstleiterin im Sozialsprengel St. Johann. Die Gemeinde, so die erfahrene diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin, sei nur dann zuständig, wenn es keine Angehörigen gibt. Gibt es Angehörige, tragen jene die Verantwortung. Kinder seien laut Bürgerlichem Gesetzbuch zwar nicht zur unmittelbaren und körperlichen Pflege ihrer Eltern verpflichtet, jedoch besteht die Pflicht zur Beistandshilfe, wenn sie sich nicht mehr selbständig versorgen können. Soweit der rechtliche Aspekt. Die Problematik reicht weit darüber hinaus.

Unbequeme Realität

Tatsache ist, dass aufgrund der Demografie und des medizinischen Fortschritts der Anteil der alten Menschen in der Bevölkerung hoch ist, und dass das in den nächsten zwei Jahrzehnten so bleiben wird. Wurden Oma und Opa früher in der Großfamilie mitversorgt, ist dies in den heutigen klein strukturierten Familien oft nicht oder nur schwer möglich – die Frauen, die früher daheimblieben und Kinder, Enkelkinder und Alte versorgten, sind heute in der Regel berufstätig. Wohin also mit betreuungs- und pflegebedürftigen Senioren:innen? Sie alle in Pflegeheimen unterzubringen, ist ein Ding der Unmöglichkeit und sprengt sowohl alle finanziellen als auch personellen Möglichkeiten. „Betagte Menschen müssen deshalb so lange wie nur irgend möglich daheim versorgt werden, die Pflege daheim ist die Zukunft. Dieser Realität müssen wir ins Auge sehen“, weiß Manuela Mayrl. Auch sie ist diplomierte Pflegefachkraft sowie „Case & Care Managerin“ beim Sozialsprengel St. Johann. Als solche berät sie ältere Menschen und ihre Angehörigen über die Möglichkeiten, einen etwaigen Pflegebedarf abzudecken. In anderen Gemeinden übernimmt eine „Community Nurse“ diese Aufgabe. Es wird also niemand alleine gelassen, aber man kann die Verantwortung für seine Angehörigen nicht einfach abschieben.

Ein ganzes Netz

So gerne man das Thema vielleicht auch von sich fernhält: Es macht Sinn, in der Familie schon früh darüber zu sprechen, was passiert, wenn die Eltern oder Großeltern pflegebedürftig werden. Denn das kann ganz schnell geschehen: „Wenn jemand stürzt und sich einen Oberschenkelhalsbruch zuzieht, und das kommt leider oft vor, kann sich die Person von heute auf morgen nicht mehr selbst versorgen. Das sollte man bedenken“, rät Dagmar. Die Generation der Betagten gehe manchmal ganz selbstverständlich davon aus, dass sich ihre Kinder um sie kümmern werden. Weil sie es vielleicht mit ihren Eltern selbst so gehalten haben. Doch die Zeiten haben sich geändert. „Es sollte offen darüber gesprochen werden, was im Fall des Falles in der Familie abgedeckt werden kann, und was nicht.“
Bei einer Entlassung aus dem Krankenhaus informiert die oder der Zuständige des Entlassungsmanagements über Möglichkeiten wie eine Überleitungspflege im Pflegeheim, über Pflegegeldanträge, Hilfe durch den Sozialsprengel und mehr. Das sind auch Manuelas Themen. „Es braucht ein ganzes Netz, um Pflegebedürftige daheim gut zu versorgen, und es gibt dieses Netz auch“, sagt sie. In diesen Bereich fallen der Sozialsprengel wie auch Freiwilligenarbeit, Besuchsdienste, das Organisieren von Heilbehelfen, Haushaltshilfe und mehr. Manuela informiert beispielsweise auch über familiäre Pflegeschulung und präventive Seniorenberatung. Denn Senioren:innen können durchaus ihren Teil dazu beitragen, damit sie möglichst lange daheim in den eigenen vier Wänden leben können. Zum einen, indem sie sich bewusst körperlich sowie geistig fit und vital halten und eine gesunde Lebensweise pflegen. Zum anderen, indem sie ihr Umfeld entsprechend gestalten.

Geld investieren

Wo gibt es daheim Stolpersteine, was könnte problematisch werden, wo machen Haltegriffe Sinn? Wo könnte/sollte man umbauen, um Barrierefreiheit zu schaffen? Manuela macht sich gerne vor Ort ein Bild davon, wie das Zuhause von Senior:innen alltagstauglich gemacht werden kann. Sie weiß, welche Förderungen es gibt und hilft beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen. Wenn es um das Finanzielle geht, vertritt Dagmar einen klaren Standpunkt: „Wir müssen wahrscheinlich alle ein wenig umdenken und Geld nicht nur in die nächste Generation investieren, sondern auch in Dinge, die es unseren Eltern und Großeltern möglich machen, länger daheim zu leben.“
Ist es finanziell machbar und vom Umfeld her möglich, sei eine 24-Stunden-Pflege eine gute Lösung, meint sie, jene werde vom Land auch finanziell unterstützt. Bis zu dreimal täglich können auch Mitarbeiter:innen des Sozialsprengels vorbeikommen und Pflegedienste übernehmen. Eine Chance auf die Aufnahme in ein Pflegeheim besteht meist erst ab der Pflegestufe 4. Zudem muss das Kontingent der Versorgung daheim zuerst völlig ausgeschöpft sein.

Darüber reden

Obwohl es Unterstützung gibt, tragen viele Angehörige Sorge, bei der Pflege ihrer Lieben in ihrer eigenen Freiheit beschnitten zu werden. Ist diese Sorge berechtigt? „Jein“, meint Dagmar dazu. Entlastung würde beispielsweise auch eine Tagesbetreuung für Senioren bringen, wie sie künftig in St. Johann angeboten werden soll. Und es gebe weitere Angebote, die noch zu wenig bekannt seien. „Am besten machen sich Angehörige mit ihren Eltern oder Großeltern schon frühzeitig einen Termin mit Manuela aus. Dann kann man ganz in Ruhe und ohne jeden Druck darüber reden, wie es eines Tages gehen kann.“
Dass bei der Pflege der Angehörigen daheim meist nur Frauen zum Einsatz kommen, liege zum Teil an den Frauen selbst, meint sie. „Wir müssen uns da an der Nase nehmen und mit der ganzen Familie einen Betreuungsplan ausarbeiten, der auch männliche Mitglieder miteinschließt. So vermeidet man auch eine Überlastung der Betreuungsperson.“ Ab der Pflegestufe 3 können pflegende Angehörige eine Auszeit nehmen, die finanziell unterstützt wird –
auch darüber informiert Manuela.

Frühzeitig planen

Natürlich können sich neben den Kindern auch die (Ehe-) Partnerin oder der (Ehe-) Partner der Betroffenen der Verantwortung nicht entziehen. Dagmar erzählt von einem Fall mit Vorbildwirkung: Eine Frau, die daheim ihren an Demenz erkrankten Mann pflegt, kam zu ihr in die Beratung – Monate vor einer anstehenden Knie-Operation, die es ihr für einige Zeit unmöglich machen würde, sich um ihren Mann zu kümmern. Gemeinsam wurde ein Plan für seine Betreuung erstellt, man bezog dabei Freiwilligendienste, die hilfsbereiten Nachbarn und den Sohn des Ehepaares hinzu, der im Ausland lebt und sich bereit erklärte, für gewisse Zeit nach Hause zu kommen. „Wenn man sich frühzeitig damit befasst, nimmt man den Stress heraus und kann eine Lösung finden, die für alle annehmbar ist“, weiß Dagmar, Manuela nickt zustimmend.
Viele von uns werden in den nächsten Jahren mit dem Thema der Pflege von Angehörigen konfrontiert werden. Verzweifeln müssen wir daran nicht, denn für Dagmar steht fest: „Es gibt für alles eine Lösung, wenn man dafür bereit ist.“

Doris Martinz