Die Juristin Nadine Ostermann steht Klientinnen im Mädchen + Frauen Beratungszentrum Bezirk Kitzbühel zur Seite.
Seit eineinhalb Jahren pendelt Nadine Ostermann von ihrem Wohnort Kirchbichl zweimal wöchentlich nach St. Johann. „Mein Kalender ist mit Terminen gefüllt, unser Angebot wird gut angenommen“, sagt sie. „Die Frauen brauchen und wollen persönliche Rechtsberatung vor Ort, das zeigt sich immer mehr“, ergänzt Nadines Kollegin, die Sozialberaterin Karin Dilger. Erstgespräche führen die beiden oft gemeinsam als Co-Beratung, da die Themen mitunter übergreifend sind. Und was sind die hauptsächlichen Anliegen, mit denen sich Frauen und Mädchen an das Zentrum wenden? „Oft geht es um Trennung oder Scheidung, um die Obsorge der Kinder und Unterhaltszahlungen“, so Nadine. Frauen wollen wissen, wie eine Trennung oder Scheidung vonstatten geht, was auch finanziell auf sie zukommt, wie schnell das Verfahren gehen kann und vieles mehr. „Sie kommen oft mit viel Angst und Fragezeichen zu uns und gehen nach der Beratung aufrechter hinaus, weil sie wissen, dass sie das schaffen können und mit ihren Problemen nicht alleingelassen werden“, sagt Karin.
Persönlicher Beistand
In manchen Fällen wollen sich Frauen von ihren Partnern trennen, weil sie Gewalt erfahren haben. Weitaus öfter jedoch liegt der Grund darin, dass sich die Eheleute einfach auseinandergelebt haben und Frauen nicht über ihre Rechte informiert sind. „Viele wissen nicht, dass zum Beispiel ein Sparbuch, das auf den Namen des Ehepartners lautet, nicht automatisch nur ihm gehört. Diesen Fall hatten wir gerade wieder“, erzählt Karin. „Unklar ist oft auch, dass Frauen nach der Scheidung einen Anspruch auf Ehegattenunterhalt haben können.“ Dies sei beispielsweise der Fall, wenn das Einkommen des Expartners jenes der Frau bei weitem übertrifft oder die geschiedene Frau mit kleinen Kindern nicht oder nur in Teilzeit arbeiten kann. Es mangle häufig aber nicht nur an der Kenntnis der gesetzlichen Bestimmungen, sondern auch an Selbstvertrauen und Selbstwertgefühl, so Karin. Frauen würden oft mit Schrecken an eine mögliche Gerichtsverhandlung denken. „Deshalb begleiten wir unsere Klientinnen manchmal vor Gericht als Vertrauensperson, das gibt ihnen Halt.“
Wenn ein Fall die Möglichkeiten der Rechtsberatung des Zentrums übersteigt, leitet ihn Nadine weiter an geeignete Anwältinnen. Sollte dies die Klientin vor finanzielle Schwierigkeiten stellen, kann eine Verfahrenshilfe beantragt werden.
Psychische Gewalt
Berichte über Femizide häufen sich leider auch in Österreich. Wie sieht es mit der Gewalt gegen Frauen im Bezirk aus, welches Bild bietet sich dem Team des Frauenzentrums? Es sei schwierig, von einer Zu- oder Abnahme von Gewalt zu sprechen, meint Karin. Frauen würden sich heute auf jeden Fall früher an geeignete Stellen wie das Frauenzentrum wenden. Was man jedoch deutlich spüre, sei die Zunahme von psychischer Gewalt, berichtet Nadine. Darunter versteht man wiederkehrende Beleidigungen, Abwertungen, aber auch Kontrolle durch den Ehemann. „Manchen Frauen ist gar nicht bewusst, dass sie psychischer Gewalt ausgesetzt sind. Für sie ist es normal, dass sie sich rechtfertigen müssen, wenn sie sich beispielsweise mit Freundinnen treffen und beim Treffen vielleicht auch noch einen Kontrollanruf von ihrem Mann bekommen.“ Was diese vermeintlich „starken Männer“ zeigen, ist im Prinzip Unsicherheit, Schwäche oder sogar die Angst, verlassen zu werden. Emotionen, die sie nie ausleben durften, schließlich hatten Männer in der Vergangenheit immer stark zu sein. „Frauenschutz fängt deshalb bei der Erziehung im Kindergarten an“, so Karin. „Wenn Männer zu ihren Gefühlen stehen und jene artikulieren können, hilft das uns Frauen enorm.“
Kann eine Frau nachweisen, dass sie in der Ehe psychische (und/oder physische) Gewalt erfahren hat, kann dem Partner bei Scheidung unter Umständen ein schuldhaftes Verhalten angelastet werden.„Dabei ist es wichtig, dass die Frau ein Tagebuch führt über das, was sie als psychische Gewalt empfindet. Nur so kann das Thema vor Gericht dann auch behandelt werden“, erklärt Nadine. „Oft wollen Frauen auch einfach nur schnell aus der Beziehung raus, sie scheuen die Konfrontation, wollen mit dem Expartner nichts mehr zu tun haben und verzichten deshalb auf ihre Rechte wie zum Beispiel Unterhalt“, weiß sie aus ihrer Erfahrung. Besser sei es, sich beraten zu lassen. Ein Verzicht habe nämlich weitreichende Folgen, zum Beispiel auch bei der Witwenpension.
Habt ihr Fragen zu diesen Themen? Wendet euch an Nadine Ostermann im Mädchen- + Frauenberatungszentrum, Tel. 05352/62222
Doris Martinz
Mag.a Nadine Ostermann hat Rechtswissenschaften studiert und kann auf die Erfahrung aus 15 Berufsjahren zurückgreifen. In den Kanzleien, in denen sie arbeitete, beschäftigte sie sich mit Sozial-, Familien-, Miet- und Wohnrecht.
Lang & Klang, 26. August 2026
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