Der Obmann des St. Johanner Turnvereins, Franz Krug, erzählt aus dem Vereinsleben.

Höchste Konzentration. Die Turnerin nimmt Anlauf, springt kraftvoll vom Sprungbrett und landet geschmeidig federnd auf dem Schwebebalken. Sekunden später streckt sie die Arme, platziert zwei Schritte mit gestreckten Beinen, fasst mit den Händen an den Balken und fährt in den Handstand; von dort kippt sie vornüber und nutzt den Schwung für den folgenden Salto. Applaus.
Wir alle haben bereits Wettkämpfe im Turnsport verfolgt. „Normalsterbliche“ lässt das, was die Profis auf ihren Sportgeräten – auf Schwebebalken, Reck, Barren und Co – anstellen, vor Anspannung den Atem anhalten. Ihre Körperbeherrschung und Akrobatik faszinieren.
Doch auch abseits des Spitzensports turnen viele Menschen mit Begeisterung und profitieren von den vielen positiven Auswirkungen des Sports auf den Körper: Das Turnen kräftigt die Muskulatur, komplexe Bewegungsabläufe schulen Körperkontrolle und -gefühl. Dehnübungen fördern die Beweglichkeit, komplexe Techniken erfordern Fokus und Geduld. Turnen stärkt also nicht nur physisch, sondern auch in mentaler Hinsicht.
All das macht den Turnsport zur idealen Grundlage für Sportarten wie Skifahren, Snowboarden, Klettern oder Tanzen. Und weil das so ist, hat der Turnverein St. Johann, der 1906 gegründet wurde, keine Nachwuchssorgen. Die Kinder- und Jugendgruppen sind gut ausgelastet, die Jugend stellt fast 80 Prozent der rund 300 Mitglieder. Obmann Franz Krug, Vereinsmitglied seit 1970, war viele Jahre lang selbst Jugendvorturner und Jugendwart. Er löste 2018 seinen Vorgänger Dieter Weihs ab, der nach wie vor freitags in der „Konditionsgruppe“ mit dabei ist. Turnen ist also keine Frage des Alters, sondern eher eine Lebenseinstellung? Franz lächelt und nickt zustimmend.

Turnen fördert Kraft und Schnelligkeit

Wenn sich junge Mitglieder des Turnvereins St. Johann gut entwickeln und in Richtung Wettbewerb steuern wollen, haben sie in Kitzbühel die Möglichkeit dazu. „Der Turnverein Kitzbühel kann mehr Trainingsmöglichkeiten anbieten und schickt seine Mitglieder auch auf Wettkämpfe“, erklärt Franz. Man arbeite hier gut zusammen.

Im Verein in St. Johann­ vermitteln zirka 30 Vor­turne­r:innen nicht nur technische Fähigkeiten, sie fördern auch Kraft und Schnelligkeit und sorgen dafür, dass der Spaß an der Bewegung nicht zu kurz kommt. Ballspielstunden und Zirkeltraining gehören deshalb genauso dazu wie das klassische Turnen auf dem Boden und an den Geräten. Das „Turn10-Programm“ ist die Basis dafür, es enthält Übungen von der „Rolle vorwärts“ bis hin zum „Salto“ mit Drehung oder der „Schwungstemme“ auf dem Barren.
Den „Salto“ mit Drehung, den verkneift sich Franz mittlerweile. Früher hat er ihn geschafft. Heute gelingt ihm im Schwimmbad immerhin noch einen Salto vom Startblock ins Wasser – das muss ihm mit seinen 67 Jahren erst jemand nachmachen. Turnen hält demnach fit und jung.
Dass Franz in seiner Jugend kaum an Wettkämpfen teilnahm, lag vor allem an seiner Berufswahl: Er ging zum Bundesheer, absolvierte die Militärakademie und war zum Schluss Kommandant des Truppenübungsplatzes in Hochfilzen. Das Turnen im Verein erwies sich beim Bundesheer als gute Grundlage, er war dort erfolgreicher Orientierungsläufer. Vor fünf Jahren ging Franz in Pension, die Enkelkinder sollten noch etwas haben von ihrem Opa. „Das habe ich nicht einen Moment bereut“, sagt er.

Unterschiedliche Voraussetzungen

Abgesehen von Franz’ Enkelkindern: Wie sportlich sind die Kids heute? „Das ist ganz unterschiedlich. Einige sind beweglich und agil und haben kein Problem mit einer Rolle. Und andere haben schon Mühe beim Rückwärtsgehen“, weiß Franz. Es hänge davon ab, wie sie aufwachsen. Gerade die Kleinen könne man aber im Verein gut fördern. Das „Eltern-Kind-Turnen“ erfreue sich großer Beliebtheit: Die Kinder turnen, die Eltern sind dabei und unterstützen gegebenenfalls. In der nächsten Stufe turnen die Kindergartenkinder und Vorschulkinder ab dem Alter von vier oder fünf Jahren. Hier legt man den Schwerpunkt auf die Kräftigung des Körpers sowie auf Geschicklichkeit. Und Mut: „Bei mir lernen sie, auch einmal über einen Balken zu balancieren, das gibt Selbstvertrauen.“
Bei den Volksschulkindern turnt man bereits auf Basis des Turn10-Programms. Die meisten sind mit Feuereifer dabei. Wer möchte nicht von sich behaupten können, dass man den Salto oder Flick Flack übt und hoffentlich irgendwann beherrscht? Wichtig ist es den Trainer:innen des Vereins, die Kinder altersgemäß auszubilden und sie nicht zu überfordern. „Sonst ist das Verletzungsrisiko zu groß. Immer wieder müssen wir Eltern bremsen, die vielleicht sogar mehr Ehrgeiz entwickeln als ihr Kind“, so Franz. Talentierte Turner:innen bleiben im Verein nicht unentdeckt und werden zum Wettkampftraining nach Kitzbühel eingeladen.
Nach Anweisung trainieren
So groß die Begeisterung als Kind ist: Im Alter von 14, 15 Jahren, mit dem Wechsel in die Lehre oder in eine weiterführende Schule, verlassen viele Junge den Verein. „In der Altersgruppe von 15 bis 60 Jahre haben wir eine große Lücke“, bedauert Franz. Man würde jene gerne füllen, wenn Interesse bestünde. Wenn das „Mittelalter“ auch auslässt: Die älteren Vereinsmitglieder sind treue Turner:innen. Die Herrengruppe „50+“ beispielsweise, die mittlerweile „80+“ geworden ist. Und auch die gemischte Konditionsgruppe, die inzwischen auch etwas älter als 50+ geworden ist. Der Freude an der Bewegung tut das keinen Abbruch: „Wir genießen es, gemeinsam den Körper durchzuarbeiten und dann noch zu dehnen. Nach Anweisung von jemandem, der sich auskennt.“ Der letzte Satz ist wichtig. Das wissen alle, die mit 50+ schon einmal in „jugendlichem Leichtsinn“ mit zu schweren Gewichten hantiert oder sich bei der einen Liegestütze zu viel die Schulter gezerrt haben. Im Turnverein geht man jede Lebensphase gemeinsam an, mitsamt all ihren Herausforderungen. Und macht im besten Fall mit 67 Jahren den viel Jüngeren vor, wie man mit einem perfekten Salto ins Wasser springt. 

Doris Martinz