Christoph Holz erklärt, warum wir der KI mehr glauben als anderen Menschen – und warum sie ein „schlechter Herr“ ist.

Als ich ihn anrufe, um mit ihm einen Termin zu vereinbaren, fliegt Christoph gerade wieder einmal in der Welt herum, um Keynote-Vorträge zu halten. In Ägypten spricht er auf einer Reisebürokonferenz zum Thema „Künstliche Intelligenz zur Überwindung der menschlichen Dummheit“. „Wenn du mich fragst, ob die Leute mit KI dümmer oder schlauer werden, lautet meine Antwort Ja!“, meint er Tage später bei unserem Gespräch in seiner manchmal provokanten Art. Ich kenne ihn inzwischen zu gut, um mich darüber zu wundern.
Auf jeden Fall, so meint er, werde künstliche Intelligenz in Zukunft in gewissen Bereichen unverzichtbar sein, zum Beispiel in der Medizin. Schon jetzt beweise sich KI bei der Diagnosestellung als genial­. „Der Mensch ist schlecht in der Fehlerfindung, KI ist hier perfekt. Wenn wir in der Zeitung zwölf Fehler verstecken, braucht der Mensch recht lange, um sie aufzuspüren. Die KI benötigt dafür nur einen Wimpernschlag.“ Wenn es also darum gehe, bei Kontrolluntersuchungen Abweichungen zu finden, die auf eine Erkrankung hindeuten können, brauchen wir in Zukunft die KI. „KI ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr. Wir sollten uns nicht beherrschen lassen“, schränkt er aber ein. Und wir sollten uns auch nicht immer in allen Belangen auf die KI hinausreden. Beim Thema Arbeitsmarkt zum Beispiel: Dass große Firmen wie Versicherungen oder Fluglinien tausende Mitarbeitende entlassen, weil KI ihre Arbeit tut, sei das meist eine Ausrede. Und es werden auch neue Jobs entstehen, da ist sich der St. Johanner Informatiker sicher. Wiewohl es in unseren Breitengraden nicht leicht sein werde, frei gewordene Mitarbeitende wieder dem Markt zur Verfügung zu stellen. „Facharbeitermangel und begrenztes Wirtschaftswachstum resultieren daraus, dass Mitarbeiter:innen in Firmen bleiben, in denen sie nicht gebraucht werden. Die Betriebe behalten sie, weil sie vom Staat Förderungen dafür bekommen“, so Christoph kritisch. Auch die innere Einstellung der Arbeitnehmenden sei oft nicht förderlich: „Da heißt es dann einfach, das kann ich, und ich mache nichts anderes.“ Unsere „Anspruchsgesellschaft“ werde das Land vielleicht noch zum Entwicklungsland machen, gibt er zu bedenken. „Aber wenn es uns dann ganz schlecht geht, werden wir uns schon wieder bewegen müssen und wahrscheinlich auch wollen. Da wird die Motivation wieder kommen.“

Weltverschwörung und Theorien

In den letzten Jahren erfährt nicht nur künstliche Intelligenz einen enormen Aufwind, dasselbe kann man auch von Verschwörungstheorien behaupten. Auch dazu hat sich Christoph Gedanken gemacht – logisch. Erst einmal, sagt er, sei es ja nicht so, dass es keine Verschwörungen gebe. So würden sich beispielsweise etwa Geschwister als Kinder ständig gegen die Eltern verschwören. Auch Julius Cäsar hätte wohl ein Lied davon singen können, hätte man ihm nicht durch eine Verschwörung den Garaus gemacht.
Dabei ist die Verschwörung etwas zutiefst Menschliches, weiß Christoph und zitiert den Anthropologen Richard Walter Wrangham, der der Ansicht ist, dass unsere Sprache erfunden wurde, um Verschwörungen anzuzetteln. „Wenn es nur ums Jagen ginge: Das können wir auch nur mit Lauten und Handzeichen, eine komplexe Sprache jedoch ist uneindeutig und damit für Verschwörungen wie gemacht.“
Christoph erklärt mir die „Hinrichtungshypothese“: Wir sind deshalb vergleichsweise friedliche Wesen, weil wir die Bösewichte von Vornherein hingerichtet und damit die schlimmsten unserer Gattung ausgesiebt haben. Wohingegen unsere Verwandten, die Schimpansen und Gorillas, immer noch mit ihnen kämpfen. Wir können uns gut koordinieren, das können sie nicht – ein Gorilla-Anführer muss gegen jeden kämpfen. Wir haben gelernt, gemeinsam auf die Jagd zu gehen, Freundschaften zu knüpfen,­ uns zu verbünden. Wenn sich ein möchtegern-Despot auftut, hat er keine Chance, denn wir helfen gegen ihn zusammen. Wir schauen nicht zu, wenn er unseren Freund verprügelt, wie es beispielsweise Schimpansen tun. Wir bilden umgekehrte Hierarchien, die Schwachen verbünden sich gegen den Starken. Wir sprechen uns ab und finden einen Weg, den Despoten loszuwerden. „Wir sind die Nachkommen jener Schwächlinge, die sich gegen die Bösewichte verschworen haben“, bringt es Christoph auf den Punkt. Die komplexe Sprache brauchen wir dann wieder, um uns nach dieser Tat herauszureden. Halte man sich vor Augen, wie die Dinge seit Jahrtausenden funktionieren, sei es kein Wunder, dass gerade Männer Angst haben, Opfer einer Verschwörung zu werden. Überall Verschwörungen zu sehen, sei eine Art Überlebensmechanismus, so Christoph.

Korruption als Verschwörungstheorie?

Verschwörungen seien auch das Mittel der Wahl, wenn wir uns die Welt sonst nicht mehr erklären können, so Christoph. Denn sie geben uns das Gefühl von Überlegenheit. Korruption zum Beispiel ist nach Christophs Meinung eine Verschwörungstheorie, deren Opfer wir alle sind. „Wir glauben, dass alle Politiker korrupt sind. Ob es Fakten dazu gibt oder nicht, ob es der Wahrheit entspricht, das prüfen wir oft nicht, aber wir behaupten es.“ Aber das sei ein Irrtum, ist sich Christoph sicher. „Wir sind in Österreich eben deshalb so erfolgreich, weil wir die Korruption weit zurückgedrängt haben und über das Thema reden. In anderen Ländern der Welt ist Korruption eine moralische Tugend, niemand spricht davon, jeder nimmt sie hin.“ Es gebe uns Sicherheit, zu behaupten, dass alle korrupt sind. Weil wir unzufrieden mit unserer Situation sind, die Schuld bei anderen suchen und deshalb Verschwörungstheorien wie über die Korruption verbreiten. Dabei gebe es einen neuen, spannenden Effekt: Verschwörungen gehen zurück. Und das liege an der KI, so Christoph.

KI wertet nicht

Wenn man die KI befragt, ob ein Sachverhalt so oder anders ist, unterstellt man ihr nicht die Intention, Verschwörungen aufzugreifen. Man weiß: Sie arbeitet ausschließlich auf der Basis von Fakten und Statistiken. Und sie liefert Argumente für die persönliche Annahme und damit etwas, wonach wir uns alle sehnen: Bestätigung. „Wir wollen ja die sein, die recht haben.“ Auf die Pro-Argumente folgen bei der KI aber auch die Gegenargumente. So erklärt KI beispielsweise den „Flat Earthern“, dass die Erde wirklich flach aussieht, weil wir ihre Krümmung nicht wahrnehmen. Aber dann liefert sie Fakten, die dagegensprechen und nicht zu widerlegen sind. „Anderen Menschen unterstellen wir den Versuch, uns ihre Überzeugungen überstülpen zu wollen, bei der KI tun wir das für gewöhnlich nicht“, weiß Christoph. KI liefert eine neutralere Form der Information, sie wertet nicht. Und wir verlieren unser Gesicht nicht, wenn wir uns überzeugen lassen.
Verschwörungstheorien sind Teil der menschlichen Natur, deshalb würden sie uns beschäftigen, deshalb seien wir alle dafür anfällig, resümiert Christoph. „Es gibt zwar erfolgreiche Verschwörungen, aber die werden auch von Verschwörungstheoretiken nicht entdeckt. Eine Verschwörungstheorie erklärt Vorkommnissse, die viel zu komplex sind, um sie mit einer Verschwörung erreichen zu können. Bisher hat sich noch keine Verschwörungstheorie als korrekt herausgestellt. Verschwöungstheorien waren immer schon strukturierter Selbstbetrug.“ Ich finde es spannend, dieses Thema einmal von dieser Perspektive aus zu sehen …
Doris Martinz