Andrea Wieser leitet das Caritas-Zentrum in St. Johann. Sie verrät, warum sie ihren Job liebt …

Wenn man zu Andrea ins Büro kommt, hat das meist einen guten Grund – er ist leider oft mit einer schwierigen Lebenslage verbunden. Alleinerziehende Mütter wenden sich beispielsweise an die St. Johannerin, weil sie nicht wissen, wovon sie die Miete bezahlen sollen. Frauen im Ruhestand suchen sie auf, weil die Mindestpension nicht fürs Leben reicht. Männer kommen zu ihr, weil sie aufgrund einer schweren Erkrankung ihren Arbeitsplatz verloren haben und sich nun nicht mehr in der Lage sehen, ihre Familie zu ernähren.
Auch inmitten unserer Wohlstandsgesellschaft gibt es Menschen, die Hilfe und Unterstützung brauchen. Bei Andrea wird ihnen beides zuteil, und vor allem finden sie in der zart gebauten 52-Jährigen jemanden, der zuhört und ihre Sorgen ernst nimmt.
Schon, als sie noch das Gymnasium in St. Johann besuchte, sei für Andrea klar gewesen, dass sie beruflich mit Menschen zu tun haben wollte und die Sozialakademie IBK absolvieren würde, erzählt sie. Nach abgeschlossenem Studium arbeitete sie einige Jahre lang in der Kinder- und Jugendwohlfahrt in Kitzbühel, bevor 2005 das Caritas-Zentrum in St. Johann eröffnet wurde und Andrea seine Leitung übernahm.

Mehr Anfragen

Andreas tägliche Aufgabe besteht darin, in Notlage geratene Menschen zu beraten und ihnen über ein großes Netzwerk an Institutionen und verschiedensten Einrichtungen zu helfen. „Es ist diese Kombination an Aufgaben, die meinen Job so interessant macht“, sagt die Mutter einer 17-jährigen Tochter bei unserem Gespräch, und ihre Augen leuchten noch heller als zuvor. Die Caritas hilft bedürftigen Menschen auch direkt, indem sie unter anderem Bezugsscheine für den „Carla“ Lebensmittelmarkt ausstellt, den die Organisation selbst in der Fieberbrunner Straße betreibt. Dort gibt es auch Bekleidung, Geschirr und einiges mehr. Sind die Anfragen zahlreicher geworden? „Ja, das spüren wir schon“, bestätigt Andrea meine Annahme. Die Gründe dafür liegen in der aktuell angespannten wirtschaftlichen Lage: Menschen, die es bislang gerade noch schafften, über die Runden zu kommen, tun sich nun noch schwerer. Sie würden sich oft auch schwer damit tun, ihre Bedenken zu überwinden und in die Beratungsstelle zu kommen, erzählt Andrea. „Die Scham ist groß“, weiß sie. Gerade in einer Region wie Kitzbühel, in der viel Wohlstand sichtbar ist, erscheine die eigene Misere besonders groß – und belastend. „Dabei kann es jeden treffen. Jeder von uns kann unverschuldet in eine schwierige Lage geraten, davor ist niemand gefeit“, ist Andrea überzeugt. Die Zugehörigkeit zu einer Religion oder Kultur sind kein Grund, der Caritas fernzubleiben. „Wir haben auch Klientinnen und Klienten mit Migrationshintergrund“, erklärt Andrea. „Aber es sind mehr Einheimische, die zu uns kommen.“

Lieber früher als später

Die Probleme, die die Menschen mitbringen, sind komplexer geworden. Oft spielen auch psychische Probleme eine Rolle, die finanzielle Situation sei vielerorts angespannter als je zuvor, weiß Andrea. „Wenn eine Waschmaschine kaputtgeht, kann das zu einem großen Problem werden. In manchen Haushalten darf wirklich nichts Ungeplantes passieren.“ Genau hier setzt ein Pilotprogramm der Caritas an: Es bietet betroffenen Haushalten in schwieriger finanzieller Lage eine Energieberatung sowie den kostenlosen Austausch besonders energieintensiver Altgeräte an.
Wichtig sei es, so die Beraterin, sich bei Problemen frühzeitig an sie zu wenden – und nicht erst, wenn beispielsweise die Delogierung droht. Und wenn es doch so weit kommt? „Dann stehen der Caritas dank eines breiten Netzwerks an Kooperationspartnern verschiedene Unterstützungs- und Interventionsmöglichkeiten zur Verfügung. Durch die enge Zusammenarbeit mit zahlreichen Institutionen können gemeinsam Lösungen erarbeitet werden, um Delogierungen möglichst zu verhindern oder alternative Wohnperspektiven zu eröffnen.“ Das Vernetzen und Kooperieren ist für Andrea selbstverständlich und tägliches Brot. „Oft leiden die Leute nicht nur an wirtschaftlicher, sondern auch an Kontaktarmut und wissen nicht, wohin sie sich wenden können.“

Über Spenden finanziert

Jeder Klient, jede Klientin bringe ihre ganz eigene Geschichte mit, erklärt Andrea. Gerade wenn der Druck groß ist, gelte es, Ruhe auszustrahlen und das Gefühl von Sicherheit zu vermitteln. Die Gewissheit, dass es weitergehen kann und wird. „Ich zeige den Leuten Perspektiven auf, das gibt ihnen Kraft. Wichtig ist, dass sie wissen, dass es jemanden gibt, der für sie da ist. Dass sie nicht allein sind.“
Andrea arbeitet regelmäßig mit verschiedenen lokalen Partnern zusammen – mit Gemeinden, der Pfarre, oder mit Schulen. „Es ist so schön zu sehen, wieviel Engagement die Kinder und Schüler:innen im Ort zeigen. Immer wieder lassen sie sich tolle Aktionen einfallen, um die Caritas und damit die Menschen in der Region zu unterstützen“, freut sich Andrea. Spenden und Hilfe in jeder Form braucht es dringend, denn ein Großteil der Projekte und Formen der Hilfe werden über Spenden finanziert. In diesem Zusammenhang ist auch die Haussammlung der Caritas von großer Bedeutung, die im März stattfindet. 40 Prozent der Einnahmen bleiben dabei in der jeweiligen Pfarre, 60 Prozent werden in der Region eingesetzt.
Im Zuge ihrer Arbeit stößt Andrea immer wieder auf Schicksale, die sie nicht unberührt lassen. Dennoch kann sie sich keinen schöneren Job vorstellen. Warum? „Weil ich einen Beitrag leisten und Menschen unterstützen kann – manchmal schon allein durch Zuhören. Es erfüllt mich, andere zu stärken und gemeinsam mit verschiedenen Teams Projekte ins Leben zu rufen, die unsere Region lebenswerter machen“, erklärt Andrea ihre Motivation.
Wenn man zu ihr ins Büro kommt, hat das meist einen guten Grund – jener ist oft mit einer schwierigen Lebenslage verbunden. Wie schön, dass sich die Last ein wenig leichter anfühlt, wenn man ihr Büro wieder verlässt.
Doris Martinz

 

Kontakt:
DSA Wieser Andrea
Leitung Caritas Zentrum St. Johann/ Tirol
Fieberbrunner Straße 10, 6380 St. Johann/ Tirol
Mail: st.johann.tirol@caritas-salzburg.at, Telefon 051760 5430

Spendenkonto:
AT55 3626 3000 0514 0215, RB Kitzbühel – St. Johann