Das EKIZ St. Johann in Tirol lud Josefine Schlechter zum berührenden Vortrag und Gespräch
Vortrag mit Baby und/oder Kleinkind? Ja, es geht! Davon konnte ich mich nun auch selbst überzeugen. Einmal im Monat verwandelt sich das wöchentlich stattfindende Babycafé in ein Infocafé, das heißt: Mamas und Papas können entspannt in gemütlicher Atmosphäre und bei einer duftenden Tasse Heißgetränk die Synapsen mit wertvollen Informationen füttern.
Dieses Mal war das Thema ein besonders brisantes: Voneinander – Füreinander – Miteinander – Gemeinsam leben in Generationen. Josefine Schlechter, Schlüsselfigur der katholischen Frauenbewegung und Referentin vom katholischen Bildungswerk, gab uns jungen Mamas und Papas Erkenntnisse und Ideen aus ihren Erlebnissen, gespeist mit Fakten aus der Psychologie und Entwicklungspädagogik.
Klare Kommunikation
Um kurz vor neun Uhr wurde die Homebase zum Leben erweckt – mit fröhlicher Begrüßung bekannter Gesichter, Tapsen kleiner Kinderschritten sowie dem Singen der Kaffeemaschine. Wir, interessierte Mamas und Papas, durften es uns in dem lockeren Sitzkreis gemütlich machen. In der Mitte waren Spielestationen für die Kinder aufgebaut, die sogleich von neugierigen kleinen Händchen erforscht wurden. Mit meinem kleinen Sohn waren es zwei Babys, die auf einer weichen Decke munter Strampeln und die ersten Drehversuche unternehmen konnten.
Josefine war bereits da und strahlte jene Art von angenehmer Ruhe und Gelassenheit aus, wie man es vielleicht nur nach vielen Jahren an Lebenserfahrung schafft, und die einem gleich das Gefühl gibt, willkommen zu sein. Sie selbst ist Mama von zwei Töchtern, stolze Oma und dreifache Uroma und feierte vor kurzer Zeit ihren 75. Geburtstag. Kaum fing sie an zu sprechen, spielten die Kinder automatisch leiser und auch wir unterbrachen unseren Austausch untereinander und spitzten gespannt die Ohren.
„Das Leben mit anderen Generationen ist etwas Schönes und Wertvolles, doch es braucht klare Regeln, damit es auch funktionieren kann.“ Zu diesen Regeln zählte Josefine beispielsweise, dass man statt Idealen die Realität annehmen, klare Grenzen ziehen und jedem sein Recht auf ein Eigenleben lassen soll. Doch auch wenn ein gegenseitiges sich gelten lassen und ein ausgeglichenes Geben und Nehmen vorhanden sind, können Konflikte auftreten. Oft prallen wahre Welten aufeinander – und mit denen umzugehen ist alles andere als easy-peasy. „Man nimmt Kritik von Eltern generell anders auf als von den Schwiegereltern und hat auch nach einer Auseinandersetzung eine andere Basis, um wieder zueinander zu finden.“ Eine klare Kommunikation erleichtert vieles schon von Anfang an. „Ein wichtiger Schritt ist das direkte Aussprechen der eigenen Bedürfnisse in der Ich- Form. Wer nur darauf wartet, dass andere meine Wünsche erfüllen, kann nur enttäuscht werden, es ist auch nicht die Aufgabe derer, sondern einzig und allein meine.“ Klare Kommunikation würde auch in vielen anderen Bereichen das Zusammenleben erleichtern (vor allem mit Männern – ohne hier stigmatisieren zu wollen.)
Raum für Neues schaffen
Werden aus den eigenen Kindern plötzlich Eltern brechen viele Muster, die durch die Summe an Erfahrungen gebildet wurden auf und längst vergessen geglaubte Themen aber auch Traumata aus der Kindheit und der eigenen Situation mit einem Baby/Kleinkind, können hochkommen. „In unserer Kindheit bilden wir unsere Resilienz,“ weiß Josefine. Sie selbst blickt auf eine bewegte Kindheit zurück und betont, dass ein wichtiges Thema der Umgang mit Scham sei. „Wir sollen uns nie für andere schämen, denn wir sind nur für unser eigenes Leben verantwortlich.“
Generell kann man sagen, dass der Mensch sich nur selten über Veränderungen freut vor allem, wenn dadurch bisher vermeintlich gut funktionierende Muster und Strategien ins Wanken geraten. Zu akzeptieren, dass auf einmal eine andere Frau als die Mama bzw. ein anderer Mann als der Papa im Leben der Kinder eine zentrale Rolle spielt ist ein Prozess und oft auch schmerzhaft. Dies bietet aber gleichzeitig die Chance, Teil „von etwas Größerem“ zu sein – denn die Familie wächst und am Ende des Tages gibt es nichts Schöneres als die Freuden des Lebens zu teilen.
Ich wünsche dir alles Gute
Generationen bauen aufeinander auf, damit ist gemeint, dass wenn gewisse Dinge heute bequemer, einfacher sind als vor XY Jahren dann deshalb, weil die ältere Generation dies ermöglicht hat. Somit sind bestimmte Aussagen wie „die Jugend hat es heute viel leichter als damals“ nicht ganz fair. Die Zeiten ändern sich ständig und mit neuen Vorzügen tun sich auch neue Sorgen auf. Begegnet man einander mit Offenheit und möglichst wertfrei, kann man viel voneinander lernen und profitieren.
Josefine schildert auch, wie man sich mit gewissen Dingen im Alter wie dem sich verändernden Äußeren als auch der Sexualität humorvoll arrangieren kann. „Genießt eure jugendliche Erscheinung, denn die ist vergänglich, ebenso wie die körperliche Fitness. So darf man vom Liebespaar zum Herzenspaar werden, was allein schon mit den Wehwehchen, die das höhere Alter mit sich bringt, natürlich ist.“
Dafür dürfte man auf einen reichen Erfahrungsschatz zurückblicken und auch wenn man im Nachhinein das ein oder andere anders gemacht hätte, tut man Gut darin, sich im Verzeihen zu üben – sowohl sich selbst als auch anderen. „Das gibt innere Freiheit,“ so Josefine lächelnd. Wem das nicht so leicht falle, hätte sie folgenden Tipp: „Wenn jemand einem immer wieder im Kopf herumspukt, egal was auch war – wünscht der Person alles Gute – das kommt einem Segen gleich.“ Sie nennt gleich mehrere Beispiele, wo sich eine Situation nach der „Segnung“ ins Bessere gewandelt hat.
Der Vortrag von Josefine und die anschließende Gesprächsrunde hinterließ bei uns allen ein positives Gefühl und diente wohl auch als Beispiel, wie der Austausch zwischen den Generationen sein kann, wenn sie auf Augenhöhe und gegenseitiger Toleranz stattfindet. Dann geht es auch in die Richtung, die sich Josefine für das Zusammenleben in Generationen wünscht – Voneinander – Füreinander – Miteinander.
Viktoria Defrancq-Klabischnig
