Zirka 2.000 Stunden lang recherchierte Dr. Gerhard Lötsch für die Jubiläums-Chronik der FFW St. Johann. Wie unvermutet er zur Feuerwehr kam, was ihn bewegt und mehr.
Wer kann sich vorstellen, für unser 150-Jahr-Jubiläum eine Chronik inklusive Rekonstruktion der Vergangenheit zu erstellen?“ Auf diese Frage des Kommandanten Michael Schenk, die er seinen Mannen vor etwa zwei Jahren bei einer Übung stellte, herrschte zunächst nur betretene Stille. Und dann wanderten viele Blicke hin zum „Doktor“, zum Reservisten Gerhard Lötsch. Dass jener seinerseits den Blick senkte, half nichts. Er war es nun einmal, der sich seit 2023 – damals war er beruflich in den Ruhestand gewechselt – mit der gefühlten Milliarde von Feuerwehr-Fotos in einer Kiste befasst und den Versuch unternommen hatte, sie zu digitalisieren und ordnen. Da konnte er sich doch auch gleich der Chronik annehmen, oder? „Das war dann schon noch einmal eine andere Sache“, sagt Gerhard Lötsch zwei Jahre und rund 2.000 Projekt-Arbeitsstunden später.
Anfang Mai soll sein Werk, die 150 Seiten starke Chronik, erscheinen, gedruckt wird es von der Druckerei Hutter in St. Johann. Die Chronik umfasst drei Bereiche: Aktuelles zur Feuerwehr, die eigentliche Chronik und ein „Feuerwehr-Allerlei“ mit bunten Geschichten rund um die Mannschaft.
Wenn schon, denn schon
Es fing also alles mit den Fotos an, von denen zirka 1.000 aussagekräftig sind. „Der Rest zeigt gesellige Zusammenkünfte“, fasst Gerhard zusammen. Als er vor ein paar Jahren versuchte, ein digitales Archiv aufzubauen, taten sich technische Probleme auf – die Bilder sprengten die Speicherfähigkeit seines Computers bei weitem. Dass plötzlich das Projekt der Chronik auftaucht, kommt dem gebürtigen Oberösterreicher deshalb gar nicht so ungelegen.
Recherchen zur Gründungszeit der Feuerwehr St. Johann rund um das Jahr 1876 führen ihn per Mausklick in die Tiroler Landesbibliothek, wo die Daten digital gut aufbereitet zur Verfügung stehen. Auch die Lokalpresse ist dort digital archiviert. Gerhard recherchiert auch beim Feuerwehrverband und an weiteren Stellen, zum Beispiel im Nachlass eines Feuerwehrausstatters in Brixlegg. Wo immer er auch „anklopft“, stößt er auf viel Entgegenkommen; unter anderem helfen bei den Nachforschungen auch Hubert Ritter, Helmut Mariacher und der ehemalige Kommandant Ernst Stöckl. So kann Gerhard ein Feuerwehr-Tagebuch über die Einsätze in den Jahren 1880 bis ins Jahr 2020 anlegen – für den gesamten Bezirk. „Wenn man schon dabei ist, nimmt man halt alles mit“, sagt er pragmatisch. „Außerdem sollte man für die Chronik die Zusammenhänge mit dem Bezirk kennen.“ Viele Artikel und Nachrichten überträgt er aus der Kurrentschrift; die gewonnenen Daten wird er dem Bezirksfeuerwehrverband zur Verfügung stellen. Erfasst sind nicht nur die Einsätze der Feuerwehr, sondern auch Artikel, die vom zivilen Leben der Feuerwehr erzählen, von Festen, Tombolas, Ausrückungen und mehr. „Das lässt Rückschlüsse auf das gesellschaftliche Leben der jeweiligen Zeit zu und spiegelt sie wider.“
Erschütternde Berichte
Lücken tun sich im Tagebuch auf in der Zeit zwischen 1913 bis 1921, aus diesen Jahren konnte Gerhard kaum Aufzeichnungen finden. Was man weiß: „Es sind eine Unmenge an Kommandanten verbraucht worden, denn kaum waren die Männer Kommandant, wurden sie eingezogen und kamen oft nicht wieder.“ In diesen Jahren müsse ein ziemliches Chaos geherrscht haben in der Region, meint Gerhard. Erschütternd auch die Berichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs: Artikel belegen, wie die Feuerwehr immer mehr hin zum Kriegseinsatz trainiert wurde. „Und die Buben waren begeistert, dass sie Kinderfeuerwehr spielen durften. Sie wurden gebraucht, weil ihre Väter an der Front waren. Das anhand der Rechercheergebnisse nachzuvollziehen, ist hoch interessant.“
Was Gerhard fasziniert: Über hundert Jahre lang wurden Ereignisse bis ins Detail geschildert und die Beteiligten namentlich genannt. Da heißt es zum Beispiel: „Die schwermütige Magd Ottilie zündete in einem Anfall von Wahnsinn den Bauernhof an.“ Persönlichkeitsrechte oder Datenschutz waren offensichtlich lange kein Thema.
Das Tagebuch zeichnet ein Bild der Feuerwehr von den Anfängen, in denen sie noch als Pflichtfeuerwehr organisiert war und in denen der Bürgermeister festlegte, wer mit dem Löschkübel auszurücken hatte. Sie beschreibt die Zeit, in der man endlich Pumpen hatte und in der es Prämien gab für jene Bauern, die ihre Pferde schneller bereitstellten als die anderen. Es zeichnet ein Bild von guten und schlechten Phasen, von Krieg und Frieden und davon, wie sich die Zeiten ändern. „Wenn man eine Chronik erstellt, bekommt man ein Gespür dafür, wie sich vergangene Jahrzehnte angefühlt haben mögen. Man lernt viel“, sagt Gerhard. Zum Beispiel lerne man, dankbar zu sein: „Wenn man weiß, mit welch bescheidenen Mitteln die Männer damals um Gebäude, um Menschen und Existenzen gekämpft haben, weiß man den hohen Standard unserer heutigen Gerätschaft noch viel mehr zu schätzen.“
Wo liegt Fieberbrunn?
Gerhard Lötsch wurde in Vöcklabruck geboren. Er absolvierte in Wien das Studium der Pharmazie, promovierte in synthetischer Chemie und arbeitete danach als Uni-Assistent in der Hauptstadt. Bei einem Ferialpraktikum in einer Apotheke war er schon Jahre zuvor auf Produkte des Herstellers Gebro gestoßen und hatte mit Kollegen darüber diskutiert, wo Fieberbrunn wohl liegen könne. In Frage kam unter anderem das Burgenland. Später beschloss er aus einer Laune heraus und nach dem Vorbild eines Kollegen, sich einfach einmal bei zwei Unternehmen in Österreich zu bewerben – „nur so“, ohne die konkrete Absicht, Wien zu verlassen. Beide Firmen reagierten sofort und luden ihn zum Vorstellungsgespräch ein. Warum kam er zuerst zur Gebro? „Weil die ein Telegramm schickten, und die anderen einen Brief“, erinnert sich Gerhard lachend.
Bei der Anreise zum Vorstellungsgespräch habe er sich „katastrophal“ verfahren und sei eine Stunde zu spät gekommen, erzählt er. Eingestellt hat man ihn dennoch – zuerst als Leiter der Abteilung für Entwicklung und Forschung, später übernahm er die Abteilung Marketing und wurde schließlich Geschäftsführer eines Joint Ventures, das die Gebro mit einem globalen Consumer-Healt-Unternehmen verbindet. Seine Frau Ingrid, ebenfalls Pharmazeutin, kam 1988 mit nach Tirol, gemeinsam bekamen sie in ihrer neuen Heimat drei Kinder. Ingrid leitet heute ihr eigenes Unternehmen, die „Apotheke am Weg“ in St. Johann.
Und wie kam Gerhard zur Feuerwehr?
1989 kam es in St. Johann zu einem Gefahrengut-Unfall; die Feuerwehr wusste nicht recht, wie sie damit umgehen sollte. Man fragte bei Gebro an, ob es dort einen Experten gebe, den man konsultieren könne. Es fiel der Name Dr. Lötsch. Wie es der Zufall haben wollte, wohnte die Familie Lötsch damals bei Helmut Treffer, einem Mitglied der Feuerwehr, zur Miete. Helmut Treffer stellte Gerhard dem damaligen Kommandanten Höflinger vor, zwanzig Minuten später verkündete jener der Mannschaft: „Das ist der Dr. Lötsch, der hat heute bei uns angefangen“ und stellte den „Newbie“ damit ohne Rückfrage vor vollendete Tatsachen. So schnell kann es gehen. Auf jeden Fall war Gerhard ab diesem Tag der Experte für gefährliche Güter, er absolvierte alle notwendigen Ausbildungen und blieb bis zu seinem 60. Lebensjahr im aktiven Dienst. Auch, wenn „der Doktor“ immer ein wenig „Exot“ blieb. Seine Zeit sollte noch kommen …
Profitiert habe er von der Feuerwehr aber vom ersten Tag an, stellt Dr. Gerhard Lötsch fest, die Feuerwehr sei für ihn „DER Integrationsdrehpunkt für das Leben in der neuen Heimat“ gewesen, die Kameraden hätten ihn, den „Zuagroasten“, gleich in ihrer Mitte aufgenommen. Und als bekannt wurde, dass er mit gesundheitlichen Problemen kämpft und deshalb vor zwei Jahren bei der Jahreshauptversammlung fehlte, sei die Anteilnahme groß gewesen. „Das hat mich schon beeindruckt“, sagt Gerhard sichtlich berührt.
Seine Recherchen für die Chronik hielten ihn an manchen Tagen bis nach Mitternacht munter. Manchmal sei er auch der Verzweiflung nahe gewesen, gesteht der 69-Jährige. Vor allem dann, wenn die Technik wieder einmal „fuxte“. Aber: „Wenn man einmal begonnen hat, lässt man seine Kollegen nicht im Stich.“ Jetzt ist er auf jeden Fall froh, dass die Sache vorerst abgeschlossen ist. Vorerst? Ja, denn das Projekt habe ihn ehrgeizig gemacht, gibt Gerhard schmunzelnd zu. Jetzt will er es genau wissen und zu den fehlenden Jahren noch weiter recherchieren. „Aber zuerst brauche ich erst einmal eine Pause“, lacht er. Und dann geht es ohnehin mit den Fotos weiter. Denn mit denen hat alles angefangen.
Doris Martinz
