Sebastian Mitterer und Thomas Neuner vom Verein „Fair Leben“ über gewonnene Erkenntnisse aus dem Projekt „Achenquartier“.
„Krisen sind eine Chance, darüber nachzudenken, ob wirklich alles so sein muss, wie wir es haben wollen“, sagt Architekt DI Sebastian Mitterer von „FIRN Architekten“, Kitzbühel, bei unserem Gespräch. Angesichts der aktuellen Krisen haben wir wohl viel Gelegenheit nachzudenken. Vielleicht sollten wir einiges gar nicht haben wollen? Vielleicht braucht es in vielen Bereichen eine neue Denkweise?
Sebastian Mitterer ist einer, der schon lange anders denkt als die meisten. Als Mitglied des Vereins „Fair Leben“ entwickelte er gemeinsam mit seinen Kollegen ein flexibles Baukastensystem, welches das Bauen und Wohnen in Zukunft einfacher und günstiger machen soll. Die Besonderheit: Anders als die Module, die große Industriebetriebe bereits anbieten, können diese „Bausteine“ von regionalen Handwerksbetrieben angewandt und umgesetzt werden. „Damit die Wertschöpfung in der Region bleibt.“
Wie kann ein Bauwerk, das aus solchen flexiblen Modulen besteht, aussehen? Ein eindrucksvolles Beispiel dafür ist das „Achenquartier“ der Sparkasse Kitzbühel. Zu seiner Vorgeschichte: Nach intensiven Überlegungen hatte man entschieden, die in die Jahre gekommene Sparkasse-Zentrale in der Bahnhofstraße durch einen Neubau zu ersetzen. Das zirka 90-köpfige Team sollte während der Bauphase in einem passenden Ausweichquartier untergebracht werden. Die Idee, dafür Container aufzustellen, verwarf man schnell. „Die sind teuer, und es gibt keine Nachnutzung“, erklärt Sebastian Mitterer. Stattdessen entwickelte er für die Sparkasse Kitzbühel – ein „Fair Leben“-Gründungsmitglied – ein modulares Konzept, das die Baukosten dieses neu errichteten Ausweichquartiers im Vergleich zu herkömmlicher Bauweise um zirka zwanzig Prozent senkte, optimale Bedingungen für die Nachnutzung schuf und sich damit als nachhaltig erweist. Das Achenquartier soll in ein paar Jahren, wenn das neue Sparkassen-Gebäude realisiert und bezogen ist, Platz für Büros und Wohnungen bieten. Seit einem guten halben Jahr aber werken hier die zirka 90 Mitarbeitenden der Sparkasse, die sich im Großraumkonzept 65 Arbeitsplätze teilen.
Urbanes Konzept
Die Sparkasse-Mitarbeitenden haben keine fest zugeordneten Schreibtische, sondern nützen die Arbeitsplätze nach Verfügbarkeit; Homeoffice ist seit vielen Jahren Bestandteil der Firmenkultur. Zum Telefonieren begibt man sich in schalldichte Boxen, Besprechungsräume werden digital reserviert. Die Idee ist, den vorhandenen Raum gemeinsam bestmöglich und flexibel zu nutzen.
Später einmal könnte das Konzept auf Wohnungen umgelegt werden: „Mieter:innen eines gemeinschaftlichen Projekts könnten in ihrer Wohnung beispielsweise mit einer kleinen Küche das Auslangen finden und die große Gemeinschaftsküche buchen, wenn sie Gäste einladen“, beschreibt Sebastian Mitterer das Konzept. „Oder man nützt eine gemeinsame Werkstatt“, erläutert Thomas Neuner von „neuner.immo“, ebenfalls „Fair Leben“-Mitglied. So könne man Platz sparen.
Die größten Sparmöglichkeiten gebe es aber natürlich beim Bauen. „Da haben wir mit unseren Kollegen viel nachgedacht und vieles auch in Frage gestellt“, so Mitterer. Braucht es beispielsweise wirklich eine Beschattung für das gesamte Gebäude, oder könnte man den Lauf der Sonne sogar für die Wärmegewinnung nützen? Braucht es tatsächlich die in den Estrich eingebaute Fußbodenheizung, bei der Änderungen nur mit größtem Aufwand möglich sind? Im Achenquartier wurden Leitungen beispielsweise „Aufputz“ verlegt, um flexibel zu bleiben; die Verrohrungen sind in vertikalen Schächten untergebracht und können jederzeit ergänzt werden; geheizt wird über Gebläse-Konvektoren, die Energie kommt von einer Erdwärmepumpe; die Warmwasseraufbereitung erfolgt dezentral mit dem erzeugten Strom aus der Photovoltaikanlage. All das spart Errichtungskosten und ist zudem günstig im Betrieb.
Für Sebastian Mitterer liegt jedoch eine Tatsache auf der Hand: „Um beim Bauen spürbar die Kosten zu senken, braucht es nicht nur neue Technologien, sondern einen Strukturwandel, eine gemeinsame Philosophie.“ Wie kann leistbares Wohnen entstehen? Vielleicht, in dem sich Gleichgesinnte zusammentun. Und sich nicht nur Küche und Werkstatt teilen, sondern auch Autoabstellplätze und ganz auf Tiefgaragenparkplätze verzichten. „Nur die Hälfte eines Quadratmeters, der in einer Tiefgarage verbaut wird, kann genützt werden. Der Rest fällt auf Zufahrt, Rampe und so weiter. Die absolute Verschwendung, auf ewig versiegelt und niemals mehr anders nutzbar“, schüttelt Mitterer den Kopf.
Wichtige Erkenntnisse
Für das Achenquartier wurde mittlerweile ein Forschungsbericht erstellt, dessen Ergebnisse die „Fair Leben“-Vereinsmitglieder einsehen können. Der Bericht enthält beispielsweise eine Klimaanalyse und beschreibt, wie sich das Gebäude thermisch verhält. Mitterer ortet hier noch Potential: „Beim Achenquartier hat man längst nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Man könnte beispielsweise zum Heizen und Kühlen die thermodynamischen Gesetze noch stärker einbinden, da gibt es noch viel Potential. Aber wir haben in diesem Projekt vieles realisiert, was für die Region neu ist, und wichtige Erkenntnisse gewonnen.“
Vereinsmitglieder haben nun auch Zugriff auf das Baukastensystem und können das gewonnene Know-how für ihre Zwecke nützen. Freuen würden sich die Vereinsmitglieder, wenn Private, Bauträger oder auch Gemeinden das fertige System für das Schaffen leistbaren Wohnraums einsetzen würden. „Wenn man ein paar Mieterinnen und Mieter mit derselben Philosophie und Einstellung zum Wohnen findet, können tolle Co-Living-Projekte entstehen, die im urbanen Raum seit vielen Jahren erprobt sind. Ich denke, davon würden wir auch in der Region profitieren“, sagt Thomas Neuner. Vielleicht ist gerade jetzt, mitten in all den Krisen, der Zeitpunkt gekommen, das Thema anzugehen.
Doris Martinz
www.fairleben.org
