Mit dem Kitzbühel Digital Verein holt Gründer Thorsten Peisl internationales Know-how in den Bezirk – und will die Region fit für eine Zukunft machen, die sich ohnehin nicht aufhalten lässt.
Als im Mai der wohl bekannteste Philosoph des deutschsprachigen Raums, Richard David Precht, in Kitzbühel über die „digitale Zukunft“ sprach, war das Interesse groß. Eingeladen hatte ein gemeinnütziger Verein, den vor einem Jahr noch kaum jemand kannte: Kitzbühel Digital. Hinter ihm steht Thorsten Peisl – ein Mann, der die digitale Transformation nicht nur diskutiert, sondern beruflich lebt.
„Man muss Digitalisierung und Künstliche Intelligenz nicht gutheißen. Aber aufhalten lassen sie sich nicht mehr – deshalb müssen wir uns damit beschäftigen. Ob wir wollen oder nicht“, sagt Thorsten. Es ist ein Satz, der seine Haltung gut zusammenfasst: pragmatisch, optimistisch, ohne Technik-Euphorie.
Das, wovon er spricht, kennt er aus erster Hand: Beruflich baut der 48-Jährige moderne Finanzinfrastrukturen, die Banken gemeinsam nutzen, um weltweit die ersten internationale Wertpapiertransaktionen in digitalem Format abzuwickeln. Der gebürtige Oberösterreicher studierte Medientechnik und -design, absolvierte Programme in Boston und Lausanne, gründete Softwareunternehmen und war bis zur Pandemie ständig zwischen den USA, England und Deutschland unterwegs. „25 Jahre lang bin ich dauernd im Flugzeug gesessen“, erinnert er sich. Corona habe ihm klargemacht, dass er das nicht mehr wollte. Heute arbeitet er dank digitaler Technologien von zu Hause aus – in Kitzbühel.
Heimat gestalten
Thorsten war schon als Kind vor Ort und hat hier mit drei Jahren das Skifahren gelernt. Vor knapp 20 Jahren traf er seine Kitzbüheler Liebe, ist heute glücklich verheiratet und freut sich über seinen 13-jährigen Sohn. Nach langen Jahren im Ausland sieht er den Verein als Möglichkeit, seine Expertise in der Heimat einzubringen und einen aktiven Beitrag zu leisten, den Bezirk zukunftsstark zu gestalten.
Eine seiner ersten lokalen Initiativen war die „Digitalstadt“ – einer 3D-Kopie der Kitzbüheler Innenstadt, die man als Avatar über das Internet besuchen kann. Sie gibt Bürgerinnen und Bürgern eine interaktive Vorschau, wie ein Bauprojekt aussehen könnte und fördert damit den demokratischen Dialog; und sie zeigt internationalen Gästen auf moderne Art, was sie vor Ort erwartet.
Im Stadtrat kam die Idee gut an; man beschloss, sie zu unterstützen. Um regionale Projekte wie die Digitalstadt umzusetzen und lokal zu integrieren, brauchte es das passende rechtliche Konstrukt – den Verein.
Über das positive Echo auf die Veranstaltung „Digitale Zukunft“, bei der Precht mit Tech-Expertin Lisa Höllbacher und Zukunftsforscher Christoph Holz diskutierte, freut sich Thorsten besonders. „Mit solchen Veranstaltungen kann man die Leute berühren und zum Nachdenken anregen. Es gibt kein schöneres Kompliment für unsere Arbeit und es rechtfertigt jedes Engagement“, sagt er. Wie viele ehrenamtliche Stunden in der Digitalstadt, der Vereinsgründung und der Organisation der Veranstaltungen stecken? Er zuckt mit den Schultern und lächelt: „Mittlerweile haben wir ein beeindruckendes Team aus Mitgliedern, das zusammenhilft.“ Gemeinsam baut man den Verein auf drei Säulen auf: Veranstaltungen zur Wissensvermittlung, Interessengruppen zu zentralen digitalen Themen sowie Initiativen zur Digitalisierung mit praktischen Ergebnissen.
Kooperationen bringen Wissen in die Region
Wer glaubt, die mehr als 50 (vor allem gewerblichen) Vereinsmitglieder seien allesamt Digitalisierungsexpertinnen und -experten, irrt. Vielmehr geht es darum, Fachleute in den Bezirk zu holen und langfristige Kooperationen einzugehen, um wertvolles Wissen in die Region bringen. Das erste Vorzeigebeispiel ist die Digital Assets Association Austria (DAAA), eine führende österreichische Organisation zur Förderung des Ökosystems rund um digitale Finanzmärkte und digitale Wirtschaftskreisläufe.
Vor allem dort, wo Betriebe, Institutionen und Gemeinden zusammenarbeiten müssen, um zu einem Erfolg zu kommen, setzt der Kitzbühel Digital Verein mit Initiativen an. „Mit dem Wissen und Netzwerk der DAAA arbeiten wir zum Beispiel an einem bezirksweiten digitalen Gutscheinsystem“, verrät Thorsten. Dafür bringt der Verein die Betreiber bestehender regionaler Gutscheinsysteme an einen Tisch. „Wir wollen nicht nur Papiergutscheine digital erweitern, sondern einen Mehrwert für Einheimische und Gäste schaffen – und davon sollen die regionalen Betriebe profitieren.“
Eine weitere Initiative ist ein KI-Berater, der Daten aus Gemeinden, Verbänden, Land und Leitbetrieben zusammenführt und zunächst für regionale Entwicklungsprojekte zur Verfügung stehen soll. „Wir arbeiten hier mit der AI Factory Austria zusammen“, erklärt Thorsten. Die AI Factory Austria ist mit 80 Millionen Euro dotiert und gilt als nationale Schlüsselinitiative für souveräne und vertrauenswürdige Künstliche Intelligenz in Österreich. „Mit den Experten der AI Factory und der Universität Innsbruck arbeiten wir an einer Architektur, die sicherstellt, dass die Daten lokal im Bezirk bleiben.“ So bündle der KI-Berater regionales Wissen wie nie zuvor, und es lassen sich spannende Vorhersagen und Analysen erstellen, die den Gemeinden und in der Regionalentwicklung helfen. „In einem weiteren Schritt könnten auch Betriebe damit Zusammenhänge in unserem Bezirk besser verstehen und vielleicht sich besser auf die Zukunft vorbereiten.“
Eine transformierende Kraft – verantwortungsvoll genutzt
Digitalisierung und Künstliche Intelligenz seien essenziell für die Wettbewerbsfähigkeit der Region, ist Thorsten überzeugt. Er nennt sie eine „transformierende Kraft“. Sich ihr entgegenzustellen, sei keine gute Idee; sie verantwortungsbewusst zu nutzen, der einzig vernünftige Weg in einer global vernetzten Welt. Dass die Bevölkerung vor Ort der Digitalisierung zurückhaltender gegenüberstehe als in manchen Großstädten, räumt er ein – und hält manche Vorbehalte für durchaus berechtigt. Aber man dürfe die sinnvollen Möglichkeiten nicht übersehen und müsse lernen, mit den neuen Risiken umzugehen. Chancen, sagt Thorsten, gebe es in der Region viele. Das beweist das aktive Vereinsleben von Kitzbühel Digital.
Doris Martinz/digitale Assistenz
