Roland Hebbel und Carlo Chiavistrelli im Gespräch über die Zukunft des Sanierens.
Mit dem Projekt K29 in St. Johann in Tirol haben sich die Hanel Ingenieure ihre eigene Ideenwerkstatt verwirklicht und gleichzeitig ein Bravourstück zeitgemäßer Baukunst geschaffen. Was zeichnet gutes Bauen heutzutage aus? Lesen Sie den inspirierenden Austausch zwischen Roland Hebbel, Steinbacher Dämmstoffe, und Carlo Chiavistrelli, Hanel Ingenieure. Zwei Perspektiven, eine Haltung.
Carlo: Beim Projekt K29 war unser Ziel von Anfang an klar: ein 120 Jahre altes Gebäude nicht nur zu erhalten, sondern weiterzuentwickeln. Die Geschichte bleibt sichtbar, gleichzeitig entsteht etwas Neues. Genau diese Spannung macht den Reiz aus. Es ist ein Fehler, wenn man beim Altbau von vornherein nur den Abriss im Sinn hat. Bauherren sollten immer zuerst an Sanierung denken. Alles, was nicht zerstört wird, ist ein Gewinn – wirtschaftlich und für die CO₂-Bilanz.
Roland: Sanierung ist kein Kompromiss, sondern eine strategische Notwendigkeit. Man muss den Altbestand als Ressource verstehen. Gerade in Regionen mit begrenzten Flächen müssen bestehende Gebäude besser genutzt, verdichtet und weiterentwickelt werden – dies gilt für Gewerbe- und Wohnflächen. In Tirol sind nur rund 11-12 % der Fläche überhaupt bebaubar, gleichzeitig wächst der Bedarf an Wohnfläche und der Neubau stößt an seine Grenzen.
Neue Möglichkeiten durch Sanierung
Carlo: Natürlich ist die Sanierung deutlich komplexer, hier gibt’s keine Standardbedingungen. Das darf man nicht unterschätzen. Unterschiedliche Materialien, gewachsene Konstruktionen, unerwartete Details. Bei der K29 haben wir Altbestand und neue Bauteile bewusst kombiniert: alte Fundamente, Bachsteinmauerwerk, Kalkputz, Altholzböden, unterschiedliche Dacheindeckungen. Das verlangt hohe Flexibilität in Planung und Ausführung, eröffnet aber gleichzeitig gestalterische Möglichkeiten, die man im Neubau oft gar nicht hat – und schafft am Ende eine einmalige Wirkung, fast wie ein Kunstwerk.
Roland: Ein saniertes Gebäude kann heute auf Neubau-Niveau kommen. Standardlösungen funktionieren oft – aber nicht immer. Wenn es um Feuchte, Diffusion oder geringe Aufbauhöhen geht, braucht es projektspezifische Lösungen. Die Qualität eines Bauprojekts entsteht immer aus dem Zusammenspiel von Planung, Materialien und Ausführung – nicht aus Einzelentscheidungen.
Der wahre Wert ist nicht messbar: Wohlbefinden
Carlo: Was mich nach fast einem Jahr Betrieb wirklich überzeugt hat, ist das Raumklima. Wir haben das 120 Jahre alte Haus mit einer funktionierenden „Haube“ umhüllt, um dieses wohnliche Klima zu erzielen. Die eingesetzten Dämmstoffe spielen dabei eine zentrale Rolle (beide schmunzeln). Du merkst sofort, ob ein Gebäude funktioniert.
Roland: Ja, endlich sagt es jemand: Dämmung ist kein Kosten- sondern ein Wohlfühlfaktor und weit mehr als reine Energieeinsparung. Sie beeinflusst die Oberflächentemperaturen an Wänden und Decken, reduziert Zugerscheinungen und schützt in Kombination mit Sonnenschutzmaßnahmen wirksam vor sommerlicher Überhitzung. Energieeinsparung ist messbar – Behaglichkeit ist spürbar. Und dafür ist die Gebäudehülle der wichtigste Baustein. An der K29 wurde unter anderem auf der Fassade EPS-F plus mit österreichischem Umweltzeichen eingesetzt. Damit zeigen wir, dass auch Dämmstoffe auf Kunststoffbasis hohe Umweltstandards erfüllen können, wenn sie richtig eingesetzt werden.
Carlo: Wohngesundheit bleibt oft abstrakt. In der Praxis geht es darum, wie sich ein Raum anfühlt und ob er langfristig funktioniert. Denn ein Gebäude, das langfristig funktioniert, ist automatisch nachhaltiger, weil es weniger Schäden verursacht und weniger Eingriffe benötigt. Es war schon eine Herausforderung, trotz unterschiedlicher Strukturen – Bestand vs. Neubau – eine durchgängige Hülle zu schaffen und gleichzeitig dieser Multifunktionalität gerecht zu werden. Und genau hier zeigt sich: Diese Qualität entsteht nur, wenn alle Gewerke sauber zusammenspielen.
Flexibilität, Offenheit und Kooperation
Roland: Ich möchte einwerfen, dass Gebäude immer work-in-progress sein werden. Nutzer und Anforderungen verändern sich – auch die K29 muss anpassungsfähig bleiben. Zukunftsorientiertes Bauen bedeutet deshalb, Gebäude flexibel und vorausschauend zu konzipieren und zu bauen. Also nicht fertig denken, sondern entwicklungsfähig.
Carlo: Genau das ist die DNA des Gebäudes – Multifunktionalität, Offenheit und regionale Kooperation. Apropos: ich möchte das Rückholsystem von Styropor-Verschnitten loben. Das hat in der Praxis sehr gut funktioniert. Für uns war das ein wichtiger Schritt, um Kreislaufwirtschaft nicht nur zu diskutieren, sondern tatsächlich zu leben.
Roland: Du sprichst EPSolutely an, mit dem wir EPS-Baustellenverschnitte sammeln und wieder in neue Produkte zurückführen, also einen echten Materialkreislauf schaffen. Recycling muss ganzheitlich gedacht werden: von der Produktentwicklung über die Logistik bis zur Wiederverwertung. Nur so wird aus Verschnitt wieder Wertstoff.
Carlo: Bei der K29 haben wir bewusst versucht, bestehende Materialien weiterzuverwenden und in neue Lösungen zu integrieren. Das Gebäude ist ein Beispiel dafür, wie man mit vorhandenen Ressourcen im Sinne des Re-Use arbeiten kann.
Roland: Hierzu eine wichtige Ergänzung: Nachhaltigkeit darf nicht an Materialklischees festgemacht werden. Nicht das Material allein macht ein Produkt nachhaltig, sondern sein Produktnutzen in Verbindung mit seiner Lebensdauer. Wenn ein Produkt über Jahrzehnte funktioniert, Energie spart und wieder in den Kreislauf zurückgeführt werden kann, dann ist das entscheidend – unabhängig davon, aus welchem Rohstoff es ursprünglich besteht. Das wäre mein Wunsch an die Politik, dieses Denken und genau solche Produkte stärker zu fördern.
Die Zukunft des Bauens
Carlo: Mein Wunsch ist, die langen Prozesse entscheidend zu verkürzen. Beispiel K29: von der Idee bis zur Umsetzung sind mehr als acht Jahre vergangen. Sicher spielte hier auch Corona mit hinein und wir alle waren damit überfordert. Aber das kann man niemandem zumuten. Hier liegt enormes Potenzial.
Roland: Wir müssen schneller entscheiden und einfacher bauen. Weniger Bürokratie, mehr Fokus auf das Wesentliche. Gleichzeitig brauchen wir klare Rahmenbedingungen – Planungssicherheit und eine Be-
wertung nach messbarer Performance statt Material-
klischees.
Carlo: Und mehr Zusammenarbeit!
Roland: Am Ende geht es darum, Gebäude zu schaffen, die langfristig funktionieren und echten Nutzen stiften. Dafür braucht es den Schulterschluss aller Beteiligten – vom Planer über die Industrie bis zum Verarbeiter. Einer allein wird es nicht schaffen.
