Sarah Scheurer über die Gründe, warum viele Kinder und Jugendliche heute Ängste haben – und wie man sie besiegt.

Die Medien berichten immer wieder davon: Österreichs Jugend leidet. Rund die Hälfte aller Jugendlichen in Österreich gibt bei Umfragen an, dass es ihnen „nicht gut“ geht, etwa jeder zehnte junge Mensch zeigt Anzeichen schwerer psychischer Belastungen, darunter Depressionen, Angststörungen oder Essstörungen. Ist die Lage bei uns in der Region ähnlich, oder sind wir eine „Insel der Seligen“? „Leider nein“, weiß Sarah Scheurer, Psychotherapeutin in Ausbildung unter Supervision. Jeden Montag bietet die gebürtige Fieberbrunnerin in ihrer Praxis im Heimatort ihre Dienste an, die restliche Zeit tut sie dies in Kolsassberg, wo sie mit ihrem Lebensgefährten lebt. Dort arbeitet sie mit allerlei tierischer Assistenz – auf Basis tiergestützter Psychotherapie, mit vielen vierbeinigen Helfern wie Hunden, Alpakas, Kaninchen, Meerschweinchen und Co. Auch in Fieberbrunn hat sie – wenn es sich anbietet und für die Klientin/den Klienten passt – Ragnar oder Syklar dabei, ihre Hunde. „Das Tier schlägt eine Brücke zwischen Therapeut und Klient, die erste Kontaktaufnahme fällt gerade bei Kindern und Jugendlichen oft leichter“, weiß die 31-Jährige aus ihrer Erfahrung. Aber warum leiden so viele junge Menschen an Ängsten? Die Gründe dafür seien vielschichtig, so Sarah.

Feine Antennen

„Junge müssen heute viel aushalten“, stellt die Psychotherapeutin in Ausbildung fest. „Unsere Zeit muss ja Angst machen, auch viele Erwachsene haben Angst.“ Das hänge zu einem guten Teil mit den Medien zusammen, die ihre Leserschaft vor allem mit negativen Schlagzeilen bei der Stange halten. „Unser Gehirn ist so ausgerichtet, dass es seine Aufmerksamkeit vor allem auf Dinge richtet, die es als potenziell gefährlich einschätzt. Die Medien wollen unsere Aufmerksamkeit, also liefern sie uns, was es dafür braucht. Der Flut an angstmachenden Nachrichten kann man sich gar nicht entziehen.“ Dann sind wir alledem hilflos ausgeliefert? Nein, wir müssten lernen, Informationen zu filtern und einzuordnen, so Sarah. Gefordert seien vor allem die Erwachsenen, die Eltern. „Man kann unterstützend sein, den Kindern das Gefühl geben, ich bin da für dich.“ Unterstützen bedeute mitunter auch, an sich selbst zu arbeiten, sich mit den eigenen Ängsten auseinanderzusetzen. „Wenn ich selbst Angst vor der Zukunft habe, vor Krieg und Verlust des Wohlstands, dann kann ich meinem Kind keine Sicherheit geben. Kinder haben sehr feine Antennen dafür, was ihre Eltern emotional bewegt. Sie müssen gar nicht mitbekommen, worum es konkret geht, selbst das diffuse Gefühl der elterlichen Unsicherheit kann belastend sein und Ängste auslösen.“ Spannend sei es, so Sarah, zu erleben, wie ein System sich drehen könne, wenn Erwachsene an sich selbst arbeiten und Dinge für sich lösen. Wie viel Lockerheit dann wieder in das „System Familie“ kommen könne. „Kinder sind oft nur die Symptomträger, die Probleme liegen woanders.“

Perfekte Welt?

Doch es sind nicht nur die schlechten Nachrichten in den Medien, die die Psyche junger Menschen heute herausfordern. Auch Social Media spiele eine bedeutende Rolle, weiß Sarah Scheurer. Über Social Media würden beispielsweise nicht nur fürchterliche Kriegsbilder auf die Jugendlichen einprasseln, sie werden auch mit den Bildern von perfekten Körpern und Lebensweisen angesagter Influencer konfrontiert. „Im Vergleich dazu fühlen sich Jugendliche schnell zu hässlich, zu dick oder einfach nicht cool genug, Essstörungen, Selbstverletzung und Versagensängste können die Folge sein. Und die Eltern können das nicht verstehen, weil sie ganz anders aufgewachsen sind“, erklärt Sarah.

Zum Teil würden Ängste auch noch aus den Corona-Lockdowns resultieren, meint sie. Gerade für Kinder, die den Übergang von der Volksschule in Mittelschule oder Gymnasium während der Pandemie erlebten, sei alles sehr belastend gewesen. „In dieser Phase des Wechsels herrscht ohnehin viel Unsicherheit, die Lockdowns machten es noch schwieriger.“ Die damaligen Einschränkungen an den Schulen sieht Sarah kritisch. „Kinder haben den Eingriff in ihre Tagesstruktur als Bedrohung erlebt.“ Sie erklärt, warum das so ist: „Ein normaler, geregelter Schultag bedeutet Struktur, und diese Struktur gibt Sicherheit – ganz egal, ob Kinder gerne zur Schule gehen oder nicht. Das Konstrukt der Sicherheit ist in der Pandemie zusammengebrochen. Kinder haben erlebt, wie sehr sich Dinge von einem Tag auf den anderen ändern können. Manche kämpfen noch heute mit dem Erlebten.“ Allein, dies zu wissen und verstehen, sei wichtig, so Sarah.
Alles in allem ist es wohl das Gesamtpaket aus Medien,­
Social Media, Pandemie und unserer ganzen Lebensweise, das die Psyche unserer Kinder und Jugendlichen unter Druck setzt. Starke Eltern sind eine wichtige Stütze für sie. Manchmal braucht es aber auch professionelle Hilfe, die es zum Glück gibt. Manche Probleme, so Sarah, würden sich schnell lösen lassen – für andere brauche es mehr Zeit. Sie selbst und ihre Kolleg:innen könnten begleiten und unterstützen, arbeiten müsse aber auch ein junger Klient/eine junge Klientin an sich selbst. „Psychotherapie ist nicht peinlich!“, diesen Satz gibt sie uns noch mit auf den Weg …
Doris Martinz