Melanie Reiter berichtet von ihrer Stammzellenspende, mit der sie vielleicht ein Leben gerettet hat.
Jeder Mensch hat eine Familie und Menschen, für die er wichtig ist“, sagt Melanie bei unserem Gespräch mit Nachdruck. Deshalb habe sie nicht gezögert. Nicht bei der Typisierung, und nicht, als es nur vier Monate später hieß, ihr genetischer Zwilling brauche ihre Hilfe. Und schon gar nicht, als es dann im Sommer 2025 wirklich ernst wurde mit der Spende. Aber der Reihe nach:
Im August 2024 – sie ist hochschwanger und erwartet ihr zweites Kind – nimmt Melanie an einer Typisierungsaktion des Vereins „Geben für Leben“ teil, organisiert von der Bezirksgruppe der Landjugend. Auch ein paar ihrer Kolleginnen und Kollegen der Gemeinde St. Johann sind mit dabei. Die Proben, die man durch einen einfachen Speichelabstrich gewinnt, werden in einer weltweiten Datenbank der Leukämiehilfe gesammelt. Passt die DNA des Spenders mit jener einer Person zusammen, die an Leukämie erkrankt ist, kann eine Stammzellen- oder Knochenmarkspende lebensrettend sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass man tatsächlich als Spender:in in Frage kommt und kontaktiert wird, ist aber gering. Umso größer die Überraschung, als Melanie nur wenige Monate später aus der „Geben für Leben“-Zentrale in Vorarlberg die Nachricht erhält, dass sie der genetische Zwilling einer an Leukämie erkrankten Person sei – zehn von zehn Markern stimmen überein. Melanie hat inzwischen ihre kleine Tochter geboren und stillt noch. Sie gibt trotzdem Blutproben ab, damit schadet sie weder sich noch ihrem Kind. Wer die Person ist, die eventuell ihre gesunden Stammzellen braucht, um die schwere Krankheit zu überstehen, weiß sie damals noch nicht. „Ich bin dann aber nicht reserviert worden, wie es in diesem Zusammenhang heißt“, erinnert sich Melanie. In ihrem Kopf dreht sich dennoch alles um Fragen wie: Was ist passiert? Geht es ihm oder ihr vielleicht besser? Oder ist das Gegenteil der Fall?
Melanie spendet Stammzellen
Im August 2025 ruft man sie wieder an, diesmal steht fest: Man braucht Melanie als Stammzellen-Spenderin. Schon am nächsten Tag erhält sie von der Stammzellen- und Knochenmarkklinik in München ein 30-seitiges Dokument, das sie darüber aufklärt, was die Spende für sie selbst und die empfangende Person bedeutet. „Ich war überwältigt davon, was es für den Erkrankten heißt, eine passende Spende zu bekommen. Ich sage nur soviel: Wir können alle froh sein, dass wir gesund sind!“
Die Unterlagen bestärken sie, keinen Moment zu zögern. Noch immer weiß sie nicht, wem sie helfen wird – einer Frau, einem Mann, einem Kind? Ende September fährt sie mit ihrem Mann und den beiden Kindern für die Voruntersuchungen nach München. Während ihre Familie den Ausflug in die Stadt genießt, absolviert Melanie die notwendigen Tests und schließt sich später ihren Lieben an.
Im Oktober fährt sie für die Spende zum zweiten Mal nach München. Ihr Mann ist wieder mit dabei, denn danach darf sie sich nicht selbst ans Steuer setzen. In den fünf Tagen zuvor hat sie sich selbst täglich Spritzen verabreicht, damit sich in ihrem Körper vermehrt Stammzellen aufbauen. Die Nebenwirkungen fühlten sich an wie ein grippaler Infekt, unangenehm waren vor allem die Knochenschmerzen. „Aber das hält man leicht aus, man bekommt vorsorglich Schmerzmittel und wird über alles aufgeklärt. Wäre ich nicht in Karenz gewesen, hätte ich arbeiten gehen können.“
Am Tag der Spende wird Melanie in der Klinik Blut abgenommen. Aus dem Blut filtert man die Stammzellen sowie Plasma, danach fließt es zurück in Melanies Arm – ähnlich einer Dialyse. Vier Stunden lang dauert die Prozedur, dann kann die St. Johannerin die Klinik verlassen. Vier Wochen nach der Spende lässt sie bei ihrem Arzt nochmal ihre Blutwerte checken – alles in Ordnung. „Während des gesamtes Prozesses fühlt man sich super gut aufgehoben, sowohl vom Verein als auch in der Klinik. Da wird man rundum betreut“, beschreibt es Melanie.
Ein gutes Gefühl
„Und jetzt warte ich darauf, was weiter passiert“, sagt sie bei unserem Gespräch im Jänner dieses Jahres. Inzwischen weiß sie, dass ihre Spende einem Italiener im Alter zwischen 40 und 50 Jahren galt. Sie habe angegeben, dass sie gerne Kontakt zu ihm aufnehmen würde, erzählt sie. Sie kann sich auch vorstellen, ihn eines Tages kennenzulernen. Vorausgesetzt, er will das auch. Die Familie des Empfängers hat sich bereits vor einiger Zeit über den Verein gemeldet und ihr liebe Grüße und den allergrößten Dank ausgerichtet. Vom Empfänger selbst hat sie noch nichts gehört. Für Melanie ist das völlig in Ordnung, auch dann, wer er sich niemals melden sollte. Viel wichtiger ist ihr, dass ihre Spende ihren Zweck erreicht hat, dass sie hoffentlich das Leben des Italieners gerettet hat. Man wird sie über den Verein auf dem Laufenden halten, auch wenn der Empfänger anonym bleiben will. Melanie hat sich verpflichtet, in den nächsten zwei Jahren zu Verfügung zu stehen, wenn er erneut eine Spende benötigen sollte.
„Es ist ein wahnsinnig gutes Gefühl, einem Menschen die Chance auf ein zweites Leben geben zu können“, sagt Melanie mit einem breiten Lächeln. Darauf, ob die Spende hilft, hat sie keinen Einfluss, aber: „Ich hoffe es. Ich hoffe es für den Empfänger und seine Familie.“
Für Melanie steht fest: „Wenn ich helfen kann, tue ich es.“ Sie setzt darauf, dass viele weitere es auch tun werden. Das Prozedere sei zumutbar, man müsse sich lediglich zwei Tage Zeit nehmen für die Voruntersuchung und die Spende selbst. „Der Empfänger kämpft mit ganz anderen Problemen, das weiß ich jetzt. Man kann nur hoffen, dass man nicht selbst einmal Hilfe in dieser Form benötigt.“ Die 30-Jährige bleibt Spenderin – vielleicht taucht ja noch ein zweiter genetischer Zwilling auf …
Doris Martinz
Jetzt zur Typisierung anmelden!
www.gebenfuerleben.at
Zur Info:
In Österreich erkranken durchschnittlich jeden Tag drei Menschen an Leukämie, darunter viele Kinder. Pro Jahr sind in Österreich über 300 vorwiegend an Leukämie erkrankte Patient:innen auf die Spende passender Stammzellen angewiesen.
Für rund zehn Prozent können jedoch keine Spender:innen mit kompatiblen genetischen HLA-Merkmalen gefunden werden!
Um diese Stammzellspender:innen finden zu können, müssen sie zuerst typisiert werden. Dazu reicht ein einfacher Wangenabstrich aus, um die notwendigen sechs HLA-Merkmale zu bestimmen. Das sind kleine Abschnitte der menschlichen DNA, die darüber entscheiden, ob Menschen als Lebensretter zueinander passen.
Die Wahrscheinlichkeit, dass die Gene zweier Menschen zusammenpassen und somit eine Stammzellspende möglich ist, liegt bei 1:500.000. In Österreich sind rund 285.000 Menschen, rund 3,6 %, typisiert.
Je mehr Menschen sich als Stammzellspender:innen typisieren lassen, desto höher ist die Chance, dass im Anlassfall ein passender Match gefunden werden kann.
„Geben für Leben – Leukämiehilfe Österreich“ ruft daher dringend potenzielle Spender:innen zwischen 16 und 45 Jahren zur HLA-Typisierung mittels eines einfachen Wangenabstriches auf.
Großartige potenzielle Lebensretter:innen sind bereits aus der Spenderdatei des Vereins hervorgegangen, die mit über 216.360 Typisierungen zur erfolgreichsten Stammzellspenderdatei Österreichs zählt. Fast 900 Spender konnten in zwölf Jahren vermittelt werden. Man ist international vernetzt, Spenden gehen in die ganze Welt. Das ist wichtig, spricht man doch von bis zu 70 Prozent Heilungschance nach einer Stammzelltransplantation für Leukämiepatient:innen! Die Spende kann in den Kliniken in München, Ulm, Graz oder Wien vorgenommen werden.
Was bedeutet „Typisierung“?
Für eine Typisierung geeignet sind alle Menschen zwischen 16 und 45 Jahren, die an keinen schwerwiegenden oder chronischen Erkrankungen leiden und über 50 kg Körpergewicht wiegen.
Die Typisierung erfolgt durch einen unkomplizierten Wangenabstrich mit einem Wattestäbchen, der im Labor ausgewertet wird. Als Spender:in bleibt man bis zum 61. Geburtstag in der weltweiten Datenbank gespeichert.
Der Abstrich kann entweder zu Hause mit einem Typisierungsset, das per Post zugesandt wird, oder im Rahmen der zahlreichen Typisierungsaktionen in ganz Österreich durchgeführt werden.
Passt man nun tatsächlich als Spender:in zu einer Patientin oder einem Patienten, gibt es zwei Arten der Stammzellentnahme, die in einer Klinik in Österreich oder Deutschland stattfindet: Die Stammzellspende (90%) oder die Knochenmarkspende (10%):
Bei der Stammzellspende werden gesunde Stammzellen aus der Blutbahn der Spender:innen durch eine Blutwäsche, ähnlich einer Dialyse, gewonnen. In seltenen Fällen, meist bei Kindern oder akuten Leukämien, wird eine Knochenmarkspende durchgeführt.
Bei der Knochenmarkspende werden die gesunden Stammzellen unter Narkose mit einer Punktionsnadel direkt aus dem Knochenmark am Beckenkamm (ein knöcherner Anteil unseres Beckens) entnommen. Das dauert etwa eine Stunde. Am nächsten Tag wird der Spender aus der Klinik entlassen. Das Knochenmark regeneriert sich innerhalb von zwei Wochen vollständig. Das Rückenmark bleibt bei der Knochenmarkspende unberührt.
Alle Stammzellspender:innen werden von „Geben für Leben – Leukämiehilfe Österreich“ professionell und medizinisch bestens betreut begleitet. Für sie entstehen keine Kosten.
Jede Typisierung eines neuen Stammzellspenders kostet den Verein € 40,- und muss zu 100% durch Geldspenden finanziert werden.
Alle persönlichen Daten bleiben im Verein, das ist garantiert, es wird nur eine Nummer weitergegeben.
Wenn Sie den Verein mit einer Geldspende unterstützen möchten, können Sie diese von der Steuer absetzen. Sparkasse Bludenz Bank AG, IBAN: AT39 2060 7001 0006 4898, BIC: SSBLAT21XXX
Weitere Informationen finden unter:
www.gebenfuerleben.at
