Christoph Nothegger stieß beim Joggen auf ein seltenes Relikt – ein Absatzbeil aus der Bronzezeit.
Auf den ersten Blick sieht es unscheinbar aus. Das Werkzeug aus der „Urzeit“ des Menschen ist nur etwas mehr als 13 cm lang, ein paar Zentimeter breit und von grüner Patina überzogen. Christoph Nothegger war schon 2023 beim Laufen in St. Johann auf das Metall getreten, das Wurzelwerk eines umgestürzten Baumes hatte es freigegeben. Dass es sich bei dem kleinen Beil um etwas Besonderes handelte, war dem Kirchdorfer sofort klar gewesen. Denn er befasst sich nicht nur beruflich mit Metall, sondern ist auch archäologisch interessiert. Und das Ding sah in seinen Augen alt aus, sehr alt. Christoph tat das einzig Richtigte: Er meldete den Fund dem Bundesdenkmalamt. Von da an nahm alles seinen Lauf: Das Beil wurde am Institut für Mineralogie der Universität Innsbruck untersucht und daraufhin von Experten behutsam konserviert. Das Ergebnis der Untersuchungen besagt, dass das Beil aus Kupfer mit Anteilen von Fahlerz und Kupferkies besteht, typisch für die heimische Metallurgie der frühen und mittleren Bronzezeit. Als mögliche Herkunftsregionen des Rohstoffs kommen Lagerstätten zwischen Schwaz in Tirol und Bischofshofen in Salzburg in Betracht. Der Archäologe Markus Staudt ordnete den Fund typologisch und chronologisch ein: Das Stück stammt vermutlich aus dem 16. bis 15. Jahrhundert vor Christus. Für Peter Fischer, Direktor des Museums St. Johann, ist der Fund eine archäologische Sensation: „Das Beil ist etwa 200 Jahre früher anzusetzen als die bronzezeitlichen Funde, die auf der Kelchalm gemacht wurden. Es ist somit das älteste menschliche Relikt im gesamten Leukental.“
Die Geschichten dahinter
Nach Abschluss der Untersuchungen und Konservierung überließ der Finder das Absatzbeil dem Museum St. Johann – vorerst als Leihgabe für 15 Jahre. „Mir ist es wichtig, dass alle Menschen Zugang dazu haben“, sagt er. Seit drei Jahren beschäftigt nicht nur ihn die Frage, wie das urzeitliche Werkzeug einst wohl an seinen Ort gekommen sein mag. Hat es ein Jäger oder eine Jägerin auf der Pirsch dort verloren? Wurde damit Holz gehackt und an Ort und Stelle vergessen? Starb der Besitzer, als er das Beil im Kampf mit einem Kontrahenten als Waffe einsetzte? Handelt es sich gar um eine Grabbeigabe? „Wir werden nicht mehr ergründen, wie das Beil an seinen Platz gelangte. Aber vielleicht machen wir einmal mit Schulen ein Projekt und laden die Kinder ein, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen, wie es gewesen sein könnte“, so Peter Fischer. Die Begeisterung über das neue Ausstellungsstück steht ihm ins Gesicht geschrieben.
Der berühmte „Ötzi“ hatte übrigens ein ähnliches Beil bei sich, das allerdings 1.500 Jahre früher und noch aus dem weicheren Kupfer gefertigt wurde. Im Prinzip ist das Beil, wie wir es heute verwenden, eine Weiterentwicklung, die sich gar nicht so sehr vom Fundstück unterscheidet. „In 3.500 Jahren ist die Menschheit in manchen Bereichen also nicht wirklich vorangekommen“, meint die Obfrau des Museumsvereins, Irmgard Silberberger, mit einem Augenzwinkern. Auch sie freut sich sehr, dass das Relikt aus der Bronzezeit nun im Museum St. Johann allen Interessierten zugänglich ist. Am besten schaut ihr es euch gleich einmal an und lasst euch überraschen, welche Geschichte es euch erzählt.
