Freiwillige unternehmen Rikscha-Ausfahrten mit jenen, die nicht mehr selbst radeln können.

Radfahren verlernt man nicht. Aber irgendwann, im vorgerückten Alter, spielt der Körper nicht mehr mit. Den Wind in Gesicht und Haar, die Freude an Bewegung und Geschwindigkeit erleben alte Menschen oft nur mehr in der Erinnerung. Oder neuerdings bei einer Rikscha-Fahrt im Zuge des Projekts „Rikscha Mobil – bewegte Erinnerung“: Melanie Hutter vom Freiwilligenzentrum Pillerseetal/Leukental rief es ins Leben, inspiriert von Kolleginnen im Land, die bereits ähnliche Projekte betreiben beziehungsweise sich größeren angeschlossen haben. „Die Idee ist, dass wir damit die ganze Region und mehrere Einrichtungen abdecken – die Pflegeheime, aber auch die Lebenshilfe, den Psychosozialen Dienst und die Sozialsprengel. Was wir jetzt brauchen, sind Rikschafahrer und -fahrerinnen, die sich ehrenamtlich in den Dienst der guten Sache stellen“, sagt sie.
Den ersten Rikschafahrer spielte ihr der Zufall zu, als sie 2024 Silvia Heim in der Mediathek in St. Johann traf. Silvia erzählte Melanie, dass ihr Mann leidenschaftlicher Radfahrer sei und seit Jahren davon rede, einmal mit einer Rikscha fahren zu wollen. Oswald wurde zum begeisterten Mitstreiter für die Sache und rekrutierte mit Gustav Steiner einen weiteren Fahrer. Nach einer Testfahrt in Kufstein führte ein Mitarbeiter des Generalimporteurs „Rikscha vanRaam“ einige Modelle vor. Der Preis ließ sich mit der budgetären Situation vereinbaren, der Ankauf war besiegelt. Erdbau Rass wird die laufende Instandhaltung übernehmen, Sport Patrick den offiziellen jährlichen Service. Patrick Unterberger hat auch die Fahrradhelme gesponsert. Auf jene bestand Oswald, wie er bei unserem Gespräch in der Homebase gesteht. „Sicherheit ist das Wichtigste!“ „Deshalb fahren wir auch nicht schneller als zehn bis zwölf km/h“, erklärt Gustav. Für Menschen, die sonst nur mehr im Rollstuhl unterwegs sind, fühle sich das ganz schön schnell an, weiß er.

Begeisterung steckt an

Im letzten Herbst startete man die Probephase mit den Bewohner:innen der Pflegeheime. Das engagierte Pflegeteam hatte Interessierte zuvor eine Einwilligungsbestätigung unterschreiben lassen, damit auch rechtlich alles geklärt ist. Und es sprach Mut zu. Neugierde war bei den potentiellen Fahrgästen nämlich ausreichend vorhanden, Skepsis aber auch. Eine Rikscha – sollte man wirklich mit so einem „fremden Ding“ mitfahren? Ganz Mutige wagten schließlich die erste Ausfahrt und steckten mit ihrer Begeisterung schnell die anderen an. „Manche wollten nach der ersten Runde gar nicht mehr aussteigen“, erzählt Oswald lachend.

Erste Ausfahrten

Nicht nur für die Mitfahrenden fühlt sich die Fortbewegung mit der Rikscha anfangs ungewohnt an, auch für die Fahrer selbst ist sie eine Herausforderung: „Man sollte schon ein geübter Radfahrer und am besten auch Autofahrer sein, um das Gefährt gut unter Kontrolle zu haben“, meint Oswald.
„Man muss vorausschauend­ fahren“, ergänzt Gustav. Zwar verfügt die Rikscha über einen E-Motor zur Unterstützung; die zirka 350 Kilogramm, die sie bei Vollbesetzung mit zwei Fahrgästen auf die Waage bringt, muss man dennoch erst einmal zu händeln wissen. „Steigungen sind nicht drin!“, weiß Oswald. Das macht nichts, er und Gustav genossen letzten Herbst die Ausfahrten auf der Ebene, die Geografie der Marktgemeinde eignet sich dafür bestens. „Wann hat man sonst schon die Gelegenheit, mal mit einer Rikscha zu fahren“, meint Gustav mit schelmischem Blick. Die beiden rüstigen Pensionisten chauffierten Bewohner:innen des Pflegeheims durch St. Johann und verweilten beispielsweise ein wenig, um die Abrissarbeiten bei der Baustelle des neuen „Haus der Generationen“ zu verfolgen. „Das hat die Leute sehr interessiert“, so Gustav. Wenn man selbst nicht mehr mobil ist, hat man sonst kaum Gelegenheit zu verfolgen, was sich im Ort tut. Oder sich an der Schönheit des Wilden Kaisers zu freuen, wie es eine Bewohnerin des Pflegeheims in Oberndorf bei einer Ausfahrt tat. „Diese alte Frau war zu Tränen gerührt. Sie hatte nicht damit gerechnet, „ihren Kaiser“ noch einmal im Freien zu erleben, seine Energie noch einmal so intensiv zu spüren. Von der Rikscha aus fühlt sich das eben ganz anders an als vom Auto aus“, sagt Oswald. Das Erlebnis berührte ihn sehr.
Noch ist die Rikscha im Bauhof untergebracht, auch die Gemeinde unterstützt damit das Projekt. Aber bald wird es wieder losgehen. Oswald und Gustav freuen sich auf die nächsten Monate und darauf, ihren Fahrgästen bei gutem Wetter die Farben und Gerüche des Frühlings erlebbar zu machen. Manchmal winken die Mitfahrenden den Passanten im Ort zu, alle schauen, alle freuen sich. Mit der Rikscha fahren unsere Omas und Opas wieder zurück in die Mitte der Gesellschaft.
Doris Martinz

Das Projekt „Rikscha mobil – bewegte Erinnerungen“ sucht freiwillige Rikschafahrer:innen, die wöchentlich oder auch nur einmal im Monat in die Pedale treten wollen.
Jede Unterstützung ist willkommen, alle Fahrer:innen werden eingeschult und über das Zentrum versichert.
Auch Begleitfahrer:innen sind gesucht.
Kontakt: Melanie Hutter, Tel: +43 676 6800766,
freiwilligenzentrum@regio3.at