Der VST Kitzbühel ermöglichte einer Kirchberger Familie nach einem schweren Unfall eine gemeinsame Delphin-Therapie.

Vor dem Fenster stehen jetzt Töpfe mit Grünpflanzen, ihre Stiele und Blätter winden sich, wachsen, füllen diesen Teil des Raums, legen sich wie ein grüner Schutzschirm über das, was hier am 8. Jänner 2024 passierte: Die vier Buben sind an diesem kalten Wintertag mit ihren Eltern vom Rodeln nach Hause gekommen und haben ein heißes Bad genommen, um sich aufzuwärmen. Während die beiden älteren Brüder Ben und Leon noch in der Wanne sitzen, sausen der dreijährige Loy und sein Zwillingsbruder Sam durch die Wohnung, sie spielen am Fenster, dort, wo die alte, fast vergessene Stehlampe steht, die nie eingesteckt ist und an der eine der drei Glühbirnen fehle. Mama Yvonne ist noch nicht dazugekommen, sie nachzukaufen. Plötzlich hört sie, wie Loy einen merkwürdig schrillen Schrei ausstößt. Sie läuft zu ihm, hebt ihn in ihre Arme und fühlt, wie der Körper ihres Kindes ganz hart und steif wird. Was ist passiert? Sie kann es sich nicht erklären. Aber da ist die umgestoßene Lampe, die leere Fassung – und der Stecker, der in der Dose steckt. Ihr Mann Thomas setzt die Rettungskette in Gang. Während er mit der Leitstelle telefoniert, beginnt Yvonne mit der Reanimation ihres Kindes, das nicht mehr atmet.
Als Yvonne in der kleinen Küche der Familie von den dramatischen Ereignissen erzählt, die nun zwei Jahre zurückliegen, holen sie die Emotionen wieder ein. „Ganz egal, wie oft ich schon darüber gesprochen habe, das packt mich“, sagt sie und verbirgt ihr Gesicht hinter den Händen.

Das Leben steht Kopf

Als damals das Notarztteam eintrifft, kämpft es eine halbe Stunde darum, Loy nach dem Herzstillstand zurück ins Leben zu holen. Der Rettungshubschrauber bringt ihn in die Klinik. Loys Gehirn hat durch den Stromschlag und die lange Zeit der Unterversorgung massiven Schaden erlitten, wie ein MRT-Bild zeigt. Sieben Tage lang wird er auf der Intensivstation behandelt. „Als man ihn aus dem künstlichen Tiefschlaf aufgeweckt hat, hat er gelächelt“, erinnert sich Yvonne. Mehr als lächeln kann ihr Sohn in jenen Tagen nicht; er kann weder einen Finger krümmen noch ein Bein heben. Doch die Ärzte geben der Familie Hoffnung: Mit Geduld und massiver therapeutischer Unterstützung gibt es eine Chance, dass Loy eines Tages wieder mit seinen Brüdern um die Wette sausen wird. Noch auf der Intensivstation beginnt man mit Physio- und Ergotherapie sowie Logopädie. Nach weiteren sieben Tagen auf der Intermediate Care Abteilung und zwei Wochen auf der Normalstation besucht Loy mit seiner Mutter für einen Monat die Akut Intensiv Rehabilitationseinrichtung „ReKiz“ in Salzburg. Das klingt im Nachhinein alles ganz logisch, ein Schritt kommt nach dem anderen. Einfach ist in jener Zeit aber nichts: Der Unfall stellt das Leben der Familie von einem Moment auf den anderen völlig auf den Kopf. „Es hat uns komplett aus der Bahn geworfen“, sagt Yvonne. Verständlich, denn wer kümmert sich um die „Großen“, um den damals zwölfjährigen Ben und den siebenjährigen Leon, die zur Schule müssen. Und was ist mit Loys Zwillingsbruder Sam, der einfach nur bei seinem Bruder bleiben will? Vater Thomas betreibt einen Hausmeisterservice, er kann sich manches einteilen. Aber seinen Job ganz aussetzen, um für seine Familie da zu sein, das kann er nicht. Die Großeltern helfen und unterstützen nach Kräften, doch auch sie können nicht verhindern, dass das Familiengefüge zu zerreißen droht.

Ein Therapie-Marathon beginnt

Sam darf seinen Bruder schließlich in die Reha begleiten. Auf die Therapien, die Loy dort macht, spricht er gut an, sein Zustand verbessert sich. Besonders gut rea­giert er auf die Musiktherapie, die angeboten wird. Man empfiehlt, sie nach der Reha weiterzuführen. Das Pro­blem ist, dass Musiktherapien in Tirol kaum angeboten werden. Yvonne findet schließlich eine Therapeutin in Innsbruck. Tiergestützte Therapie soll ebenfalls gut sein, auch das probiert sie mit Loy. Neben den klassischen Einheiten von Physio- und Ergotherapie, neben Logopädie- und Osteopathieeinheiten, versteht sich. Das Leben der Familie ist zu einem Therapie-Marathon geworden. Loy braucht und bekommt alle Aufmerksamkeit, die Brüder müssen zurückstecken.
Belastend ist auch die finanzielle Situation, denn für die Therapien sind Selbstbehalte zu bezahlen, manche müssen zur Gänze selbst bezahlt werden. Auch der Sprit für die Fahrerei schlägt zu Buche. Dazu braucht Loy auch daheim eine Möglichkeit, zu üben und eine Umgebung, in der er sich gefahrlos aufhalten kann. Der Kinderbereich wird umgebaut, man schafft Gymnastikmatten und Therapiegeräte an. Auch nach dem Reha-Aufenthalt kann Loy noch nicht sitzen oder stehen, seine Mutter muss ihn mit seinen 14 Kilogramm wie ein Neugeborenes herumtragen. Eigentlich wollte sie Anfang Jänner 2024 ja wieder in die Berufstätigkeit einsteigen, um ihren Mann als Alleinverdiener zu unterstützen. Es kommt anders …
Im Sommer 2024 verliert Loy zusehends an Gewicht, er braucht Spezialnahrung aus der Apotheke, deren Kosten von der Gesundheitskasse nicht übernommen werden. Es wird finanziell eng. Doch es kommt Hilfe: Der Nachbar hilft mit Tankgutscheinen aus, Serviceclubs und Hilfsvereine spenden Geld, die Firma Sinnesberger spendet das Geld aus ihrer Weihnachtsaktion und auch die Mitglieder des VST (Vertreterstammtisch Kitzbühel) erfahren von der Notlage der Familie – der Verein übernimmt einen erheblichen Teil der Therapiekosten.

Wie durch ein Wunder

Die Mutter eines Kindes, das in einer ähnlichen Situation wie Loy war, erzählt Yvonne eines Tages von der Delphin-Therapie auf der Karibikinsel Curaçao. „Mir erschien sowas völlig absurd, vor allem wegen der Kosten“, erinnert sich Yvonne. Aber dann kommt der vormalige VST-Präsident Fidji Fiala bei den Neumanns daheim zu Besuch, und er ermuntert Yvonne, sich weltweit nach passenden Therapien für ihr Kind umzusehen. „Und da bin ich immer und immer wieder auf die Delphin-Therapie gestoßen.“
Yvonne fragt Loys Ergotherapeutin um Rat. Jene hat bereits einmal eine Delphin-Therapie miterlebt und weiß, dass sie funktioniert – allerdings nur, wenn die ganze Familie mit dabei ist. Sechs Personen sollen also für 14 Tage in die Karibik fliegen und dort mit Delphinen arbeiten? Das scheint Yvonne nun gänzlich ausgeschlossen. Doch der VST erklärt sich bereit, die Kosten für Loy und die Eltern zu übernehmen. Und wie durch ein Wunder findet sich über den VST ein Spender, der die Kosten für den Rest der Familie trägt: Die Lindemann Holding. Der Wahl-Kitzbüheler Sven Lindemann und seine Familie haben über den VST schon öfter in der Region geholfen. Sie haben in ihrer Familie selbst eine sehr schwierige Situation erlebt und überwinden können und wissen um die Bedeutung geeigneter Therapien. „Beim VST weiß man halt, wohin das Geld direkt geht und wem es zugute kommt, das ist uns wichtig“, erklärt mir Sven bei einem Telefonat.

Heilung für die ganze Familie

So kommt es, dass die Familie Neumann im November/Dezember 2025 zwei Wochen auf Curaçao verbringt, alle vier Söhne dürfen mit Delphinen arbeiten. Am meisten profitierte Loy davon. „Wahnsinn, was sich in dieser kurzen Zeit bei ihm getan hat“, erzählt Yvonne mit leuc­htenden Augen. Loy habe zuvor bereits wieder gehen können, aber mit den Delphinen habe er gelernt, seinen Körper besser wahrzunehmen, seine eigenen Grenzen und jene von Dingen, zum Beispiel eines Stuhls, wieder besser einzuschätzen. Er sei plötzlich in der Lage gewesen, eine Sprossenwand hinaufzuklettern, rede mehr und flüssiger als früher. „Für uns ist das unbegreiflich und wunderschön!“
Doch auch Loys Brüder hat die Therapie gut getan: Sam kann nach zwei Jahren nun endlich wieder lachen, Leon ist wieder etwas ruhiger und ausgeglichener geworden. Ben, bei dem man vor Jahren das Asperger Syndrom diagnostiziert hat, ist ebenfalls entspannter geworden. „Wir alle haben enorm profitiert, wir waren alle so glücklich dort. Wir dürfen jetzt sagen, wir blicken auf den Unfall und auf eine schwierige Zeit zurück, wir sind nicht mehr mittendrin“, sagt Yvonne – ein Riesenschritt nach vorne.
Mittlerweile ist Loy beim Treppensteigen wieder sicher, hat eine wesentlich verbesserte Hand-Fuss-Koordination, er hilft im Haushalt mit, spielt mit seinen Brüdern, wird im Kindergarten akzeptiert und ist voll inte­griert, und für Yvonne das Allerwichtigste: „Er ist hier bei uns, er ist einfach da. Unsere Familie ist beisammen“, sagt sie unter Tränen.
Was geschehen ist, sei furchtbar, der Weg zurück steinig und noch nicht zu Ende. Und doch habe der Unfall auch Wunderschönes gebracht, so Yvonne: „Die Gewissheit, dass wir nicht alleine sind.“ Unglaublich viele Menschen hätten geholfen, gespendet, unterstützt, sich nach Loy erkundigt, aufgemuntert. „Wir haben so viel Hilfsbereitschaft erfahren, wir werden dafür bis in alle Ewigkeit dankbar sein“, sagt sie. Sie schaut in die Richtung des Fensters, vor dem alles passiert ist. Es ist, als würde das Grün die Erinnerung an das Geschehene überwuchern wollen. Und irgendwann, wenn Loy wieder ganz gesund ist, wird die Dankbarkeit überwiegen.

Doris Martinz

 

Auch ihr wollt den VST beim Helfen unterstützen?
Spenden – ob groß oder klein – sind jederzeit herzlich willkommen.
www.vst-kitz.at/online-spenden

DANKE!