Lorenz fehlt nichts, er hat im Gegenteil ein Chromosom mehr als andere. Was er gerne macht und worin er richtig gut ist.

Während unseres Gesprächs blättert Lorenz interessiert in der St. Johanner Zeitung, die ich mitgebracht habe und forscht nach Gesichtern, die er kennt. Er muss nicht lange suchen – schon deutet er auf das Foto des Bürgermeisters Hubert Almberger. „Der Onkel“, meint er grinsend. Nein, das ist keiner seiner Scherze, von denen er in der nächsten halben Stunde noch viele machen wird. Lorenz’ Mutter Daniela bestätigt schmunzelnd das Verwandtschaftsverhältnis. Lorenz findet in der Zeitung auch noch Luis und Sophie im Bericht über die „Poly“, die beiden sind seine Schulkameraden. Die Aussicht darauf, sich selbst in unserer Zeitung wiederzufinden, gefällt ihm.
Lorenz ist 16 Jahre alt und ein typischer Teenager mit einem modischen Haarschnitt, der nach dem Lockdown dringend gekürzt gehört (sagt seine Mama Anfang Februar), er trägt einen Sweater mit einem Fußballer drauf und ein kesses Lächeln auf den Lippen. Nach der Trennung seiner Eltern zog „Lolo“, wie ihn manche seiner SchulkollegInnen nennen, vor einigen Jahren gemeinsam mit seinem 15-jährigen Bruder Valentin und Mutter Daniela von Erpfendorf zu Thomas Müllauer nach St. Johann. Daniela und „Tom“ heirateten, und die Buben bekamen einen Stiefvater, oder, besser gesagt, einen „großen Freund“, wie Lorenz ihn nennt. „Då, den kenn’ i a“, sagt er lächelnd und deutet auf ein Foto der Mittelschule 1. Mit den vier Jahren, die Lorenz dort verbrachte, verbindet er viel Gutes. „Schöne Erinnerungen“, sagt er.
Nun besucht Lorenz die Polytechnische Schule, und auch dort gefällt es ihm gut. Er genoss während des Lockdowns Präsenzunterricht in der Klasse und wurde dort betreut, während für Valentin „Distance Learning“ angesagt war. Die beiden verstehen sich gut, aber sie streiten auch viel – wie das bei Geschwistern eben so ist. Wenn es darauf ankommt, halten sie natürlich zusammen, weiß Daniela zu berichten. Schimpft sie mit Valentin, beschwert sich Lorenz über ihre Strenge. Wenn die beiden einmal einen Tag alleine daheim verbringen, klappt es sowieso super. Lorenz erzählt begeistert, wie sein Bruder einmal für ihn Pizza und Wurstsalat gemacht hat.

Pläne für die nächsten Jahre

Am Vortag haben sich Daniela und Lorenz den Lachhof in Volders angesehen – eine Einrichtung des AufBauWerks, das junge Leute wie „Lolo“ auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereitet und ihnen hilft, möglichst selbständig zu werden. Bei dieser „betreuten Lehre“ bekommen die Schützlinge Einblicke in die Arbeitswelt am Bauernhof, sie lernen den Job in einer Küche kennen, bekommen Einblicke in den Bereich der EDV und vieles mehr. Lorenz hat es dort gut gefallen, im März darf er eine Schnupperwoche in Volders verbringen. Er freut sich schon darauf. Was sagt seine Mutter dazu, dass er möglicherweise ab Herbst nur mehr an den Wochenenden daheim sein wird? „Des is für mi schwieriger als für den Lorenz“, gesteht sie und schaut ihren Buben an. Der meint ganz locker: „Ach, i kimm jå wieder!“ Beim Schilager und anderen Schulveranstaltungen hat er bereits bewiesen, dass er kein Problem damit hat, alleine – ohne die Familie – auswärts zu übernachten. Er ist ein cooler, junger Mann.

Bayern-München-Fan

Lorenz liebt Fußball. Selber kickt er im Garten des Hauses und hat sich dort auch ein Tor aufgestellt, im Fernsehen verfolgt er am liebsten die Spiele von Bayern München. Mit seinem Opa war er sogar einmal in der „Allianz Arena“ und sah sich live ein Match an. Ich frage nach seinen Lieblingsspielern. Lorenz lacht spitzbübisch und gibt die Frage weiter an seine Mutter: „Du muasst raten“, sagt er. Nach kurzem Nachdenken weiß Daniela natürlich, welche Namen ihr Sohn hören will – jene von Thomas Müller und Robert Lewandowski. Lorenz strahlt und nickt.
Er sieht sich im Fernsehen nicht nur Fußballspiele an. Er mag – wie viele andere Jugendliche auch – Horrorfilme wie „Es“, er liebt aber auch „Tom und Jerry“ und kann sich über das ständige Hin und Her zwischen Katz und Maus bestens amüsieren. „Heiter Tom“, sagt er in Anspielung darauf, dass die Katze im Comic oft den Kürzeren zieht.
Während wir plaudern, hat Lorenz sein rechtes Bein angewinkelt auf der Sitzbank liegen und führt mit einmal den Fuß bis hinauf zur Schulter. Wow, er ist echt beweglich! Daniela erzählt, dass das auch sein ehemaliger Sportlehrer gemeint und vorgeschlagen habe, Lorenz zu einem speziellen Gymnastik-Training zu bringen. Doch Lorenz wollte dann nicht. Er macht lieber manchmal mit seiner Mama Yoga. „Aber er is då viel beweglicher als ich“, sagt Daniela.

Lorenz, der Alleinunterhalter

„Ah, Völkerball in der Schule“, sagt Lorenz und tippt auf ein weiteres Foto in der Zeitung. Wieder eine schöne Erinnerung… Lorenz informiert mich, dass er ein guter Skifahrer und Schwimmer sei und sich immer sehr freue, wenn sein Vater Andreas Almberger etwas mit ihm unternehme. Er klettere auch gerne, berichtet er und fängt an zu kichern. Er erntet einen tadelnden Blick von seiner Mutter, die meint, dass Lorenz anderen manchmal gerne einen Bären aufbinde. Das stachelt den jungen Mann nur noch weiter an: Er offenbart mir, wie gerne er Gemüse esse, vor allem Karotten, Broccoli und Karfiol. Als Daniela ankündigt, dass sie gleich am nächsten Tag eine Gemüsepfanne zubereiten werde, wenn dem so sei, winkt er aber energisch ab. „Nanananana!“ Wir lachen alle drei, worauf Lorenz meint: „Doris, du bist a lustige Frau!“
Im Familienkreis unterhält der Schüler oft den ganzen Tisch. Wenn andere über seine Scherze lachen, blüht er auf. Deshalb kommt er bei unserem Gespräch auch so richtig in Fahrt. Er erwähnt, dass er – wie ich – ein „Eis-Tiger“ sei und vor allem auf „chocolate“ und „strawberry“ stehe. Ganz lässig sagt er es, in Englisch. Und drückt seine Wange an die Wange seiner Mama. „Mama-Schatzi“, sagt er liebevoll. Er kuschle gerne, bekennt er. Daniela relativiert das später, als Lorenz bereits in seinem Zimmer verschwunden ist und lautstark zur Musik singt.
Zuvor aber erzählt er von Greta, seiner Klassenkameradin, die ihn schon durch die Mittelschule begleitete. Da seine Augen dabei so glänzen, frage ich ihn, ob er denn ein wenig verliebt in Greta sei. „Ja, sicher bin i verliebt!“, antwortet er selbstbewusst. Sie sei seine Freundin und habe ihn einmal auf die Wange geküsst, verrät er und schaut – etwas provokant – seine Mutter an. Daniela ist skeptisch. Sie erzählt, dass sie Lorenz das Tanzen beibringe und er sich gar nicht ungeschickt anstelle. Walzer und Foxtrott seien schon auf dem Programm gestanden. „Eins, zwei, drei“, sagt sie, und sofort springt Lorenz an. „Eins, zwei, drei und Tipp!“ Lorenz tanzt nicht nur gerne, er hört auch sehr gerne Musik. Den Song, den er nennt, kenne ich, als er ihn mir am Handy vorspielt. Im Umgang mit Computer, Tablet, Handy und Co ist Lorenz recht fit. Ein Job in dieser Branche wäre eventuell später auch etwas für ihn. Er nimmt auch Videos von sich auf und schaut sie sich an – wie es viele andere Jugendliche tun.

Lorenz lebt im Hier und Jetzt

Seine Mutter meint, dass Lorenz einmal recht selbständig in einer „Betreutes Wohnen“-Einrichtung leben will und kann. Der 16-Jährige ist motorisch fit und agil, Logopädie soll ihm dabei helfen, noch deutlicher zu sprechen. Da Daniela selbständig als Physiotherapeutin arbeitet, möchte man meinen, dass sie selbst viel mit Lorenz trainiert. Aber das ist nicht so einfach. Denn mit den eigenen Eltern klappt das Lernen oft nicht so gut wie mit Außenstehenden. Das ist bei Lorenz nicht anders als bei vielen anderen Jugendlichen und Kindern.
Klar, Lorenz braucht mehr Hilfe und Förderung als andere in seinem Alter. Dafür beherrscht er Künste, die gerade in unserer Zeit wichtig sind: Er lebt im Hier und Jetzt und kann sich auch an kleinen Dingen erfreuen. Darin ist er seiner Familie und seinem Umfeld immer wieder ein Vorbild. Freudestrahlend berichtet er während unseres Gesprächs, dass er sich gerade eine neue DVD bestellt habe und jene jeden Tag, jeden Augenblick eintreffen müsse. Die Vorfreude ist riesengroß.
Lorenz hat sein eigenes Tempo, in dem er sich entwickelt. Daniela hat gelernt, es anzunehmen. „Du kannst am Grashalm ziehen, aber er wird deshalb nicht schneller wachsen“, sagte einmal ein Arzt zu ihr. Das trifft auf Lorenz zu und auf viele andere Dinge auch. Das eigene ICH einmal zurückzustellen und den anderen sein zu lassen, wie er ist – das zu lernen lohnt sich für uns alle.
Lorenz singt in seinem Zimmer aus voller, etwas heiser klingender Kehle. Er bewegt sich zur Musik, fühlt den Beat, genießt den Augenblick. Bei manchen Dingen ist er später dran als wir. Aber in manchen auch weit voraus.

Doris Martinz