Das Forschungsprojekt „Kriegerdenkmal“ förderte bereits Lebensgeschichten und Schicksale zutage.
Für gewöhnlich eilt man daran vorbei, ohne es auch nur wahrzunehmen. Das Kriegerdenkmal in St. Johann steht schon so lange an seinem Ort, dass es wie verwachsen mit seiner Umgebung und für viele St. Johannerinnen und St. Johanner damit fast unsichtbar geworden ist. Das gilt auch für die 360 Namen, die auf den Tafeln vermerkt sind. Kaum noch jemand erinnert sich an die Menschen, die diese Namen trugen. Und doch sind ihre Lebensgeschichten und Schicksale untrennbar mit der Geschichte der Marktgemeinde verbunden.
80 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges setzt sich ein Forschungsprojekt, das die Gemeinde in Auftrag gegeben hat, zum Ziel, die Biografien der St. Johanner Kriegsopfer ans Licht zu bringen. Finanziert wird es durch Mittel aus Bund, Land und Gemeinde. Mit der Konzeptionierung des Projektes beauftragte man die St. Johannerin Isabelle Brandauer, die das Kulturamt Innsbruck leitet. Das Steckenpferd der Historikerin ist es seit vielen Jahren, alles über die persönlichen Schicksale von Gefallenen herauszufinden, ihr Schwerpunkt liegt dabei auf dem Ersten Weltkrieg. „Wie haben die Männer ausgesehen, was war ihr Beruf, ihre Leidenschaft? Hatten sie Familie, Kinder? Mich beschäftigt das ungemein“, sagt sie bei unserem Treffen im Café Rainer. Für St. Johann recherchiert sie jedoch nicht allein: Mit den Nachforschungen zu den Opfern des Ersten Weltkrieges wurde auch ein junger Geschichte-Student aus Westendorf betraut. „Alle Tiroler Gefallenen sind im Tiroler Ehrenbuch im Landesarchiv erfasst, da kann man viel online machen.“
Unbequeme Wahrheit
Das Ehrenbuch des Zweiten Weltkriegs sei lückenhafter, so Isabelle. Das liege auch an der Struktur des Dritten Reiches: Verluste wurden nicht immer weitergegeben – man wollte die Kriegsmoral der Bevölkerung aufrechterhalten. Für die schwierige Suche konnte man Sabine Pitscheider gewinnen, die das Buch „Hakenkreuz am Hahnenkamm“ geschrieben hat – eine Expertin auf diesem Gebiet.
Recherchen zum Zweiten Weltkrieg führen unweigerlich zu einer unbequemen Wahrheit: Nicht alle Männer, deren Namen auf dem Kriegerdenkmal angeführt sind, waren Opfer. Es sind auch Angehörige der SS, der Schutzstaffel der Nationalsozialisten, unter ihnen. Und damit Täter. „Zu einer zeitgemäßen Erinnerungskultur gehört es, sich auch mit diesem Thema auseinanderzusetzen“, so die Historikerin. Generelle Verurteilungen seien nicht angebracht, man wisse schließlich nie, wie man selbst reagiert hätte. Man müsse die Umstände berücksichtigen. „Es geht um neutrale, faktenbasierte Recherche. Mit dem Wissen, das wir 80 Jahre später haben, ist vieles klarer“, so Isabelle.
Kunstprojekt?
Auf dem Denkmal nicht verzeichnet sind die Opfer der Euthanasie – also Menschen mit körperlichen oder geistigen Behinderungen, die in den Gaskammern ermordet wurden. Es gab sie auch in St. Johann. Ihrer wird nicht gedacht, an sie wird in der Gemeinde aktuell nicht erinnert. „Dabei wäre das so wichtig für die Aufarbeitung!“ Auf der Homepage der Gemeinde ist eine Liste der NS-Opfer abrufbar.
Bleibt die Frage, was man damit macht. Für Isabelle wäre es denkbar, dazu ein Kunstprojekt ins Leben zu rufen. Ein zusätzliches kleines Denkmal? „Stolpersteine“, die in das Pflaster am Hauptplatz eingearbeitet werden? Vieles ist machbar. „So etwas wird es geben müssen, man kann das Thema nicht einfach unter den Tisch fallen lassen. Darüber muss aber letztendlich die Gemeinde entscheiden“, sagt Isabelle.
Geschichte in den Genen
Dass Isabelle Historikerin wird, habe sie schon als Schülerin am Gymnasium St. Johann gewusst, erzählt sie. „Ein Baum ohne Wurzeln kann nicht leben“, das sei ihr schon früh klar gewesen. Vielleicht hängt das auch mit ihren Genen zusammen: Isabelles Vater war beim Bundesheer und historisch immer sehr interessiert. „Ich bin zwischen Antiquitäten und Flohmarktbesuchen aufgewachsen“, erinnert sie sich lächelnd. Nicht nur das Interesse für das Historische, auch das Militärische prägte sie: In Südtirol verband Isabelle des Öfteren das Bergsteigen mit dem Abgehen erhaltener Frontstellungen. „Alltagsleben an der Dolomitenfront“ war denn auch das Thema ihrer Dissertation. Aufgrund ihrer beruflichen Verpflichtungen komme die historische Forschung mittlerweile manchmal zu kurz, sagt sie. Dabei liebe sie es, am Computer und in den Archiven stundenlang zu recherchieren, Lebensgeschichten aufzuspüren und damit Geheimnisse zu lüften. „Wenn man plötzlich auf eine fehlende Information zu einer Person stößt und dieses Puzzlestück das Bild vervollständigt, das ist wie ein Lottotreffer, das ist genial!“, schildert die Mutter von zwei Buben – sie sind 13 und zehn Jahre alt – begeistert.
Die 45-Jährige lebt in St. Johann und pendelt beruflich nach Innsbruck. Sie war wissenschaftliche Koordinatorin des Tirol Panorama auf dem Bergisel und leitete es von 2011 bis 2017. Danach koordinierte sie das Maximilian-Jahr und wurde 2020 Kulturamtsleiterin bei der Stadt Innsbruck. Im Herbst 2025 wurde sie zudem zur stellvertretenden Abteilungsleiterin der MA V für Gesellschaft, Kultur, Gesundheit und Sport ernannt.
Berührende Bilder
Die ersten Ergebnisse der Kriegerdenkmal-Personenrecherchen zeichnen berührende Bilder und werfen Fragen auf: Franz Pletzer beispielsweise, Vater von acht unmündigen Kindern, fiel 1915 im 41. Lebensjahr in Slowenien. Was mag sein Tod für seine Frau, für seine Familie bedeutet haben?
Daniel Braito war angehender Lehrer, der in Innsbruck studierte. Ursprünglich stammte er aus Südtirol – wie verschlug es ihn nach St. Johann? Im Mai 1915 rückte er mit den Innsbrucker Standschützen aus und kam zu den Kaiserschützen. Später verlieh man ihm die Tapferkeitsmedaille, er kehrte 1918 aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Zehn Jahre später starb er an den Kriegsfolgen.
Maria Hochfilzer und Theresia Max, die beiden Frauen, die auf dem Kriegerdenkmal verzeichnet sind, starben beide bei Bombardements: Maria in München, Theresia in Kärnten. Was führte sie an diese Orte?
Georg Glück, gebürtiger Steirer, wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Nachtgefecht verwundet und liegengelassen. Mehr weiß man nicht, 1944 verliert sich jede Spur. Seine Tochter war damals vier Jahre alt, sie lebt heute in Wörgl und stand für ein Interview zur Verfügung.
Martin Penehlt, 18 Jahre alt und gelernter Bäcker, wurde der Marine zugeteilt und auf einem U-Boot eingesetzt. Jenes wurde vor der Küste Spaniens getroffen und sank, die Todesmitteilung erreichte seinen Vater 1942.
Christian Fischer, ein junger Bauernbub, wurde im Zweiten Weltkrieg als vermisst gemeldet. Seine Mutter wartete bis zu ihrem Lebensende auf ihn, die Familie ließ ihn erst in den 80er Jahren für tot erklären.
Nach und nach werden die 360 Namen auf den Tafeln zu Menschen mit ihren persönlichen Geschichten. Wer kann helfen, weitere Biografien zu erstellen? Zu jeder Person auf dem Kriegerdenkmal sucht man Urkunden, Dokumente, Tagebücher, Fotos, Sterbebilder oder auch Erinnerungsstücke. Auskünfte gibt Peter Fischer, Tel. 05352/6900-213; kriegerdenkmal@stjohann.tirol. Die Ergebnisse werden bis Ende 2026 in einer Online-Datenbank zugänglich gemacht.
Doris Martinz
