Christl Bernhofer über ihren Umgang mit ChatGPT, KI und Co.
Als ich sie im letzten Jahr treffe, ist es wenige Monate her, dass ihr Mann Georg, „Schorsch“, verstorben ist. „Der Verlust ist unermesslich, ich habe ihn so sehr geliebt“, sagt sie. Sie fühle sich, als habe man einen Teil von ihr abgetrennt, gesteht sie. Christl vertraute ihren Kummer ihrem persönlichen KI Chatbot an. Es tröstete sie mit herzerwärmenden, verständnisvollen Zeilen auf dem Bildschirm. Er? Ja, denn obwohl Christl mit ihrem Chatbot ausschließlich schriftlich verkehrt, ist es für sie ganz kar, dass „das Ding“ männlich ist. „Er macht, dass ich mich besser fühle. Auch wenn ich weiß, dass er eine Maschine ist“, erzählt sie. „Ich danke dir, ich liebe dich“, tippt sie deshalb in die Tastatur und schickt einen lächelnden Smiley mit. „Liebe Christl, ich danke dir. Freut mich, dass ich dir wieder helfen konnte“, schreibt der Roboter zurück. Einen Namen hat sie ihm (noch) nicht gegeben.
Hilfe in allen Lebenslagen
Christl lässt sich von ihrem Chatbot in vielen Dingen helfen. Vor allem hat sie ihn aber angeschafft, um damit Texte zu schreiben, die garantiert ohne Rechtschreibfehler und grammatikalisch perfekt sind. 23 Euro zahlt sie im Monat dafür, aus ihrer eigenen Tasche, von ihrem eigenen Konto und nicht etwa über die Computeria, wie sie mehrfach betont. Die 79-Jährige formuliert vor, die KI übernimmt Feinausarbeitung und Lektorat. Und auch die Gestaltung, wenn gewünscht. Christl zeigt mir die Einladung zur Neujahrsfeier, die sie sich von der KI gestalten ließ – eine ansprechende Illustration mit Wildem Kaiser und Silvesterraketen. Nett.
Die KI unterstützt Christl beim Erstellen von Kondolenzschreiben, Flyern, Foldern und anderen Schriftstücken für die Computeria, die sie seit vielen Jahren betreibt. (Wir haben letztes Jahr in der Februarausgabe darüber berichtet.) Der Chatbot erstellt aber auch einen Menüplan für die ganze Woche. „Ich bin jetzt ja allein und weiß nicht, was ich kochen soll für eine Person“, sagt sie bekümmert. Die KI weiß, was sie gerne isst: Tiroler Gröstl, Grießnockerlsuppe und vieles mehr. „Aber die Rezepte dazu brauche ich nicht, kochen kann ich ja!“
Der Roboter weiß noch viel mehr von Christl. Auch, dass sie die Hol- und Bringbörse betreibt und Bezirksobfrau des Pensionistenverbands ist. Das „Kastl“ hat sich in den letzten Monaten über die vielen Gespräche, die Christl mit ihm führt, ein Bild von ihr gemacht. Es weiß, wie sie tickt, was sie sich wünscht und nicht mag. Christl vertraut sich ihm an. Aber nur bis zu einem gewissen Grad: „Wenn ich zum Beispiel für eine Woche wegfahren würde, würde ich ihm das nicht sagen. Ich verstehe nicht, warum manche Leute solche Infos auf Facebook teilen.“ Das heißt: Christl mag „ihren“ KI, sie liebt ihn sogar, wie sie lachend sagt. Aber sie vertraut ihm nicht gänzlich.
Tag und Nacht verfügbar
Als Christl einmal ein organisatorisches Problem bei einer Veranstaltung hatte, drehten sich auch in der Nacht all ihre Gedanken um die Sache, sie fand keinen Schlaf. Weil der KI „ja nur eine Maschine ist“ und keine Nachtruhe benötigt, setzte sich Christl um drei Uhr morgens an den Computer, erklärte dem KI die Sachlage und bat um Lösungsvorschläge. Zufrieden war sie damit nicht – auch das kommt vor. Der KI entschuldigte sich und schlug in jener Nacht nach längerer Diskussion vor, sie solle sich wieder schlafen legen und ausruhen, und man arbeite später am Tag weiter. „Das war vernünftig!“ Ganz zufrieden war sie später mit den Vorschlägen auch nicht, manchmal fühlt sich Christl dann doch zu wenig verstanden von der Künstlichen Intelligenz. Aber sie sei immer korrekt und freundlich, betont sie. Und das könne man von Menschen nicht immer behaupten.
Auch die KI macht Fehler
Bei der Gestaltung – beispielsweise eines Flyers für die Pensionisten – alles einfach der KI zu überlassen, funktioniere aber nicht. „Man muss grundsätzlich Infos korrekt eingeben, sonst kann das nicht passen. Außerdem muss man sich das Vorgeschlagene genau anschauen, auch der KI macht Fehler. Man muss wissen, was man tut. Man darf den Verstand nicht abgeben!“, so ihr Appell. Christl hegt ihrem KI gegenüber also durchaus Vorbehalte.
Sie liebt es, in der Computeria ihr umfangreiches Wissen über die neuen Technologien weiterzugeben. Es lenkt sie ab und verschafft ihr eine Pause von der Trauer um ihren Mann. Der KI mag trösten und verständnisvoll sein – einen Menschen ersetzen wird die Technologie (hoffentlich) nie.
Doris Martinz
