Die gebürtige Engländerin Geraldine Wörgartner stellte heuer im Juni in St. Johann ihre Werke aus. Wie sie einst nach Tirol kam und mehr.

Für das R rollt sie dann und wann noch ein wenig die Zunge ein, in diesen Momenten kommt die Engländerin durch. Gleich darauf spricht sie jedoch wieder breitesten Dialekt – eine überaus charmante Mischung, finde ich. Im Juni stellte Geraldine Wörgartner – auch sie selbst spricht von sich als Gerry – in der Salzburger Straße 22a ihre Werke aus. Unter anderem zeigte sie große Schüttbilder aus ihrem Kurs bei Hermann Nitsch im Jahr 2006. 32 dieser Werke entstanden innerhalb einer Woche, jedes auf seine Weise im wahrsten Sinne des Wortes großartig und auch -formatig.
Gerry absolvierte in den letzten Jahrzehnten viele Kurse bei teils bekannten Künstlern. Sie schulte Hand und Auge, malte viel Abstraktes. „Jetzt werden meine Bilder wieder gegenständlicher“, meint sie an jenem Junitag, an dem ich sie bei der Ausstellung besuche, und zeigt mir Bilder aus der Serie „schneller Strich“: verdünnte Farbe, mit einer Flasche auf schwarzen Karton aufgetragen und auf eine Hartfaserplatte montiert. Der „Strich“ muss sitzen, ausbessern geht nicht. Die Motive zeigen Szenen aus der Wein-Kelterei, auch Stillleben – Auftragswerke. Ob abstrakt oder gegenständlich: Gerry folgt ihrem inneren Antrieb.
Auf manchen ihrer Werke verbindet sie die Malerei mit Typografie, sie arbeitet im Bildhintergrund Gedichte und andere Texte, zum Beispiel von Goethe, ein. Stilistisch hat sich Gerry schon an vielem versucht, sich in vielen Richtungen ausprobiert. Auch davon zeugt die Ausstellung. „Ich bin eine schlampige Malerin“, sagt sie mit gespielt beschämten Blick. Sie deutet auf ein Bild, das den Werken des niederländischen Künstlers Piet Mondrian nachempfunden ist. Mondrians strenge Linienführung hat sie etwas freier gestaltet, sprich, sie hat Farbe über die Linien gemalt oder auch gepatzt. Ich finde es vielleicht gerade deshalb so beeindruckend. „Das ist verkauft“, antwortet sie auf meinen begehrlichen Blick. Sie habe aber in all den Jahren, in denen sie sich künstlerisch betätigt, nicht gerade viel verkauft, gibt sie zu. Der Freude am Schaffen habe das nie Abbruch getan. „Meine Bilder sind inspiriert von der Lebensphilosophie des Dalai Lama“, sagt sie mit leuchtendem Blick.

Malen mit Kaffee und Asche

Im „Blumenzimmer“ der Ausstellung schauen wir uns ein Bild mit Schwertlilien und anderen Blumen an. Alles ganz korrekt, nichts übermalt. „Zwischendrin zwinge ich mich immer wieder, genau zu arbeiten. Aber das liegt mir nicht“, erklärt sie und geht zum nächsten Bild weiter. Man erahnt darauf eine Vase mit bunten Blüten, ein wenig gegenständlich, ein wenig abstrakt. Cool. Beim Bummel durch die Räume zeigt mir Gerry Bilder, auf denen sie löslichen Kaffee oder Asche aus dem Kachelofen eingearbeitet hat. „Ich liebe es zu experimentieren“, sagt sie lächelnd. Ich finde die „Reflections“, Landschaften, die sich im Wasser spiegeln, sehr gelungen. Gerry jedoch ist schon bei den Skizzen. „Die liebe ich“, sagt sie mit einem verträumten Lächeln. Es sind weibliche Akte, eine Skizze erinnert sehr an Schiele. Gerry streicht vorsichtig mit der Hand über das Papier. Die Zeichnungen sind vor vielen Jahren ebenfalls bei einem Kurs entstanden. Sie selbst hält übrigens auch Kurse: Jeden Dienstag unterrichtet sie Zeichnen wo? Gerry ist zudem Artdirektorin von KitzAktiv und Mitglied von Team Art 04, St. Johann.

Der Sommer auf Jersey

Gerry wurde als Geraldine Coston in Leicester in England geboren und wuchs dort auf. Sie erlernte den Beruf der Friseurin, im Sommer 1969 arbeitete sie jedoch – gemeinsam mit einer Freundin – auf der Insel Jersey im Ärmelkanal in einem Hotel als Zimmermädchen. Die beiden jungen Frauen wollten einen wilden Sommer voller „Sex, Drugs & Rock ’n Roll“ erleben, wie es dem Zeitgeist damals entsprach. Im Hotel, in dem Gerry arbeitete, war auch Hansi Wörgartner als „Barman“ beschäftigt – ein fescher, lässiger, junger Mann, in den sich die Engländerin sofort verliebte. Hansi war übrigens nicht der einzige Österreicher dort: Damals arbeiteten viele „Austrians“ für einen Sommer auf Jersey.
Die beiden verbrachten wunderbare Monate auf der Insel, im Herbst begleitete die 19-Jährige ihren zukünftigen Mann heim nach St. Johann – und versetzte den angehenden Schwiegervater ob ihres superkurzen Minis und dem toupierten Haar einen gehörigen Schock. So etwas hatte man in Sainihåns noch nicht gesehen! Dass Gerry kein Wort Deutsch sprach, ging in der Aufregung fast unter. Nach der Hochzeit zog das junge Paar nach Bruck an der Glocknerstraße und führte dort ein Gasthaus. Später zogen Gerry und Hansi nach Hopfgarten in Tirol, ihre drei Kinder Natascha, Rebekka und Simon sind dort geboren. Als die Schwiegermutter 1982 verstarb, übersiedelte die Familie nach St. Johann in Hansis Elternhaus. „Die Zeit geht so schnell vorbei, das ist ein Wahnsinn“, sagt Gerry kopfschüttelnd.
Schon als Kind hatte sie gerne gemalt und gezeichnet. Als ihre eigenen Kinder größer wurden, nahm sie ihr Hobby wieder auf und besuchte viele Kurse. Auf internationalen Kunstmessen in Salzburg, Innsbruck, Linz und Graz malte sie live, tauchte immer mehr in die Szene ein. Sie unterstützte aber auch ihren Mann beim Liefern von Natursteinplatten – und arbeitete als Skilehrerin. Anfangs beherrschte sie selbst nur den Schneepflug, doch das reichte für die Kindergruppen. Mit den Kleinen konnte sie gut umgehen, „und mehr brauchte es nicht, einen Schmäh habe ich ja immer gehabt, wir hatten es immer lustig.“

Positive Haltung

Gerry hat sich auf unser Gespräch vorbereitet und einige Infos über sich selbst handschriftlich festgehalten. „Meine Hobbys sind Painting, Gardening, Cooking“, liest sie laut vor, die Notizen sind in Englisch verfasst. „Singing“ erwähnt sie auch noch, und Yoga. Ihr Lebensmotto­ verrät sie mir ebenfalls, es lautet: „Just do it!“, und sie übersetzt es auch gleich für mich: „Tua nit lang ummeinander, sondern tuas einfach!“ Zaudern ist also nicht Gerrys Ding, war es nie, schon in der Jugend nicht. Deshalb folgte sie auch ihrem Herzen – und Hansi. Wie erlebte sie damals den Wechsel von England nach Tirol? „Wenn man jung und verliebt ist, geht das“, sagt sie knapp. Sie habe damals schnell Deutsch gelernt und sei ein Mensch, der grundsätzlich positiv denkt. Auch wenn nicht alles einfach war im Leben, auch wenn es in der Ehe schwierigere Phasen gab.
Früher habe sie noch öfter ihre Schwester in England besucht, erzählt Gerry. Die Rückkehr in die alte Heimat sei aber nie ein Thema gewesen. „You made your bed, and you lie in it“ habe ihr Vater gesagt. Wie man sich bettet, so liegt man, es gab kein Zurück.
2017 verstarb Hansi, Gerry­ trauerte um ihn. Sie sagt, er habe sie immer verwöhnt, ihr so vieles ermöglicht – unter anderem die Malkurse. Die Familie mit den Kindern, vier Enkelkindern und einer Urenkelin gibt ihr heute Geborgenheit und Sicherheit, der Kontakt ist eng. Gerry will ihr Leben genießen, solange es die Gesundheit zulässt.
Große Pläne oder Wünsche hat sie nicht. Sie habe ja alles, sagt sie. Sie erzählt mir von ihrem Lieblingsbild, es ist „The Carpenter“ von Georges de la Tour. Es zeigt den Heiligen Josef als Zimmermann, wie er im Lichte einer Kerze arbeitet, die von einem Mädchen gehalten wird. Das Bild berührt sie in ihrem Innersten so sehr, dass sie beim Erzählen glasige Augen bekommt. Der Lichtschein, die Stimmung, die das Bild ausstrahlt – für Gerry ist das Werk einzigartig, sie hat sich das Original im Louvre in Paris angesehen und von einem einheimischen Künstler nachmalen lassen.

Die Ausstellung im Juni sei ihr „Grande Finale“ gewesen, sagt Gerry mit einem Hauch von Wehmut in der Stimme. Die ganze Familie war mit eingebunden: Ihre Tochter tanzte, eine Enkelin hielt eine Lesung ab, die anderen halfen beim Organisieren und Aufhängen der Bilder. Ganz egal, was der Vater einst sagte, Gerry hat längst ihre Heimat in St. Johann gefunden. Und ihr „Tua oafåch!“ klingt mindestens genauso energisch wie „Just do it!“.
Doris Martinz