Christoph Holz meint: „Es werden sich Bildungswelten auftun, in denen sich noch nie Lernende befanden.“
Die Menschheit wird dümmer!“ Wer hat diese reißerische Aussage nicht schon irgendwo gelesen? Ist vielleicht sogar was dran? „Tatsache ist, dass im 20. Jahrhundert die IQ-Werte der Menschen jahrzehntelang stiegen“, weiß Christoph Holz, IT-Experte und international gefragter Keynote-Speaker aus St. Johann. Den gestiegenen IQ führe man auf bessere Ernährung zurück, auf Gesundheitsvorsorge und den Ausbau der Schulbildung. Seit den späten 1990er-Jahren sei dieser Aufwärtstrend in vielen Industrienationen jedoch gestoppt oder sogar rückläufig. Woran liegt das? „An der Genetik nicht, sagt die Forschung. Vielmehr verändern sich unsere kognitiven Schwerpunkte.“ Durch den technologischen Wandel und das Auslagern von Wissen (Navigation und Telefonnummern checkt zum Beispiel das Handy) trainieren wir unser Gehirn anders als unsere Vorfahren. Veränderungen wie diese haben Menschen zu allen Zeiten Kopfzerbrechen verursacht. Sokrates zum Beispiel: „Sokrates hat die Schrift gehasst, weil man sich plötzlich nicht mehr alles merken musste, sondern Dinge notieren konnte. Er sah in der Schrift eine Schwächung des Gedächtnisses.“ Was der Gelehrte dabei übersehen habe, sei, dass ohne Schrift als kognitiver Modus des Denkens Abstraktion und damit Rationalität buchstäblich nicht denkbar seien, so Christoph.
Nun geht uns die Schrift verloren. Verlieren wir damit unsere Rationalität?
„Wenn man sich da draußen umsieht, könnte das sogar der Fall sein“, meint Christoph ironisch. Andererseits: Wer vermisse seinen Orientierungssinn, den das Navi übernommen hat? Die größte Gefahr der Künstlichen Intelligenz sei nicht, dass sie immer besser wird, sondern dass wir unser kritisches Denken verlieren und Systemen wie dem Navi blind vertrauen, bis wir mit dem Auto auf der Schipiste stehen.
Individuell lernen
Christoph Holz erzählt von einer kürzlichen Reise nach Armenien. In Jerewan, der Hauptstadt des Landes, habe er sich eine Nachmittagsschule angesehen. 700 Schüler:innen drängen sich dort mit Liftkarten vor den Drehkreuzen und strömen dann in riesige Schulräume. Jedes Kind sitzt darin vor einem eigenen Computer und absolviert ein individuelles Lernprogramm. 20 Tutor:innen unterstützen und begleiten die Kinder. In den Programmen werden beispielsweise nur noch jene Vokabeln abgefragt, die das Kind noch nicht kann. „Unerhört!“, sagt Christoph mit gespielter Entrüstung. Denn in Wahrheit übertreffen die individuell auf das Kind zugeschnittenen Lernprogramme jeden Pädagogen/jede Pädagogin. „Mathematische Aufgaben werden mit übermenschlicher Geduld erklärt, da müsste jeder Lehrer längst aufgeben.“ Der rasante Schluss, den Christoph aus seiner Erfahrung zieht: „Es steht uns eine Explosion der Intelligenz unserer Kinder bevor, dagegen war alles zuvor ein Mailüftchen.“
Macht das Handy süchtig?
Unser Schulsystem – wir wissen es längst – passt nicht in unsere Zeit. Es stammt aus dem Jahrhundert der Industrialisierung, Disziplinierung war ein wichtiger Teil der Bildung. Junge, unternehmerische Geister werden darin zu Arbeitern geformt, zu Kadetten, zu Konsumenten. Dabei erdachte der Erfinder des Schulsystems Wilhelm von Humbold Bildung einst als Dialog, als Reifen aneinander. „Bildung als Beziehungsarbeit, wie wäre das denn?“, fragt mich Christoph, ohne eine Antwort zu erwarten. In einer künstlichen Welt sei auf jeden Fall nichts wichtiger als die menschliche Beziehung, sagt er. Und stellt die nächste Frage: „Machen die Bildschirme süchtig? Wirklich?“ Vielleicht, meint er, lassen wir unseren Kindern auch gar keine andere Wahl, als vor dem Bildschirm zu sitzen. Als Bub habe man ihn im Alter von fünf oder sechs Jahren ohne Bedenken allein hinaus zum Spielen geschickt. Heute liegt dieses Alter bei zehn, zwölf Jahren. „Wir haben das Vertrauen in unsere Kinder gegen deren mangelnde Resilienz getauscht. Denn draußen sein macht widerstandsfähig und stark“, so Christoph. Die Welt sei viel, viel sicherer geworden, aber unser Bedrohungsempfinden habe sich von der Realität entkoppelt. „Wenn wir unsere Kinder aus Angst vor Entführungen nicht nach draußen lassen, welche Option geben wir ihnen dann? Wie sonst sollen sie mit ihren Freunden kommunizieren?“
Für Christoph ist die Bildschirmzeit ein Symptom für Einsamkeit. „Es ist die Tragik der industriellen Moderne, dass wir die Geborgenheit der bettelarmen Großfamilie getauscht haben gegen die individuelle Einsamkeit unseres Wohlstands.“ Reich werde jeder für sich allein. Digitalisierung sieht er nicht als vierte industrielle Revolution, sondern als ihre Überwindung. Denn eines kann KI bei all ihren Gefahren: Sie kann uns Zeit schenken, uns die Routine abnehmen. Das kann ihr Geschenk sein, wenn wir es wahrnehmen. „Wenn wir das Geschenk der Zeit für Beziehungspflege annehmen, dann klappt es vielleicht wirklich mit einer guten Zukunft für uns, für unsere Familie und vielleicht sogar für die ganze Welt.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
Doris Martinz
