Viele reden davon – Christina Embacher lebt sie bereits, die neue Arbeitswelt.

Eigentlich wollte Christina, gebürtige Goingerin, nach Abschluss der Handelsakademie Informatik studieren. Viele rieten ihr davon ab. Schließlich sei sie da bestimmt die einzige Frau und außerdem gar nicht gut genug in Mathematik, gab man zu bedenken. Sie begann an sich selbst zu zweifeln: „Weil ich ja nicht schon seit zehn Jahren programmiere, kann aus mir nie eine ,richtige’ Informatikerin werden“, so ihre Selbsteinschätzung. Sie entschied sich schließlich für das Studium „Technologie-Management“. „,Impostor Syndrom’ nennt man das“, weiß Christina heute, „oder auch Hochstapler-Phänomen. Es beschreibt das Gefühl, dass man sich trotz nachweisbarer Erfolge und Kompetenz selbst für einen Betrüger hält.“ Man führe seine guten Leistungen auf Glück statt auf eigenes Können zurück, erklärt Christina. „Das haben wir alle in einer gewissen Art und Weise, alle zweifeln mal an sich selbst. Aber Frauen meist mehr als Männer, Frauen wachsen meist so auf und wir trauen uns weniger zu.“ Ohne jede Bitterkeit sagt sie es. Das Studium und das Leben in der Stadt haben sie verändert.
Und doch Informatik!
Während des Studiums in München stellt Christina fest, dass ihr Hauptinteresse doch der Informatik gilt, also beginnt sie von vorne und macht die Informatik nach. Sie absolviert Forschungspraktika in Japan und Australien und spezialisiert sich bereits während des Studiums auf Künstliche Intelligenz. Nach Abschluss ihrer Ausbildung arbeitet die heute 33-Jährige zuerst in der Unternehmensberatung und wechselt vor fünf Jahren zu ihrem heutigen Arbeitgeber, einem international tätigen Unternehmen mit Sitz in Berlin. Sie ist KI-Ingenieurin oder auch „Data-Scientist“ und wohnt in München und Going. Nach Berlin, in die Firma, fährt sie höchstens fünfmal im Jahr – sie arbeitet im Homeoffice. Mit ihrem Mann Lukas – er ist gebürtiger Ellmauer, die beiden wurden schon in der HAK ein Paar – hat sie vor eineinhalb Jahren Tochter Leana bekommen. Lukas hat in München Maschinenbau studiert, heute betreibt er dort eine Boulderhalle und kann sich seine Zeit gut einteilen. Nach einem Jahr Karenz arbeitet Christina wieder 30 Stunden pro Woche. In ihrer Kernarbeitszeit von elf bis 17 Uhr kümmert sich Lukas um die Kleine. Die geteilte Obsorge fühle sich für die ganze Familie richtig und gut an, meint sie.

Revolution in der Medizin

Christinas Arbeitgeber betreibt Krebsforschung. „Wir bauen sozusagen das Chat­GPT dafür“, erklärt sie. Gerade in diesem Sektor spiele sich aktuell eine Revolution in der Medizin ab. KI erkennt geringste Veränderungen im Gewebe, lange bevor der Mensch sie feststellen kann. Bei einer Biopsie wird jede einzelne von Millionen Zellen analysiert und beobachtet. Daraus ergeben sich Diagnose, Pro­gnose und Medikation, individuell für jeden einzelnen Patienten. Ärztinnen und Ärzte müssen jedoch nicht um ihre Jobs fürchten: „Wir ersetzen Mediziner nicht, sondern erleichtern ihnen mit KI die Arbeit und führen Daten zusammen, die ein Mensch nicht zusammenführen kann.“
Wie viele andere Frauen, nimmt Christina in der Firma­ eine Führungsposition ein; sie ist technische Leiterin und managt verschiedenste Projekte. Alle Meetings finden online statt, denn das Team ist in der ganzen Welt verstreut. Dass eine Mitarbeiterin dabei ihr kleines Kind auf dem Schoß hat, weil es gerade nicht anders geht, ist völlig in Ordnung und normal. Genauso normal ist, dass Väter für ein halbes Jahr oder länger in Karenz gehen.
Im Unternehmen setzt man auf das Prinzip geteilter Führungspositionen: Ein junges Teammitglied leitet eine Abteilung gemeinsam mit einem erfahreneren, oder zwei Junge teilen sich die Position. Damit lasten Druck und Verantwortung nicht auf einer Schulter, sondern verteilen sich. „Das ist generell einfacher und netter, man hat mehr Meinungen, es nimmt Druck, und die Qualität der Arbeit steigt“, diese Erfahrung hat Christina gemacht. Auch Karenz und Teilzeitbeschäftigung sind so im Unternehmen leichter umsetzbar. „Wenn ich mir die Führung teile, bin ich nicht völlig ausgebrannt. Dann muss ich auch nicht Unmengen dafür verdienen“, so ihre Einstellung. „Und seit ich als Mutter 30 Stunden statt wie zuvor 45 bis 50 Stunden in der Woche arbeite, bin ich erholter, leistungsfähiger und effizienter. Der Output ist im Verhältnis größer, und diesen Effekt stellt auch der Arbeitgeber fest.“

Auch Care Arbeit ist Arbeit

Als Christina und Lukas sich entschlossen, eine Familie zu gründen, wusste Christina, dass dies nicht das Ende ihrer Karriere bedeutete. Leanas Geburt brachte eine willkommene Unterbrechung, sie setzt ihren beruflichen Weg nun aber seit ein paar Monaten wieder fort. „Das ist Lebensphasen gerechtes Arbeiten, da braucht es die Flexibilität seitens der Arbeitgeber. In vielen jungen Unternehmen in der Stadt ist das schon neue Normalität, irgendwann wird es hoffentlich auch bei uns in der Region so sein. Natürlich ist das nicht so einfach umzusetzen. Aber Schritt für Schritt können wir vielleicht etwas verändern.“
Ein Kind sei eine gemeinsame Entscheidung, seine Versorgung müsse gemeinsam organisiert werden. „Wenn es finanziell geht, sollte jener Elternteil mehr daheimbleiben, der das für sich will und bei dem es mit der Arbeit besser vereinbar ist“, so Christina. Dabei ist für sie beides gleich viel Wert. „Care Arbeit ist auch harte Arbeit. Ich für meinen Teil bin nach neun Stunden mit der Kleinen genauso müde wie nach neun Stunden im Job. Kinderbetreuung muss höher bewertet werden“, meint sie.

Die Zukunft kann kommen

Christina könne sich nicht vorstellen, ganz auf ihren Beruf zu verzichten, auch ihrem Kind zuliebe nicht, gesteht sie. Sie sagt, sie brauche die geistige Herausforderung, ihr Team, das Gefühl, mitten im Leben zu stehen. Genauso wenig kann sie sich vorstellen, ihrer Karriere zuliebe auf eine Familie zu verzichten oder mit einem Kleinkind in Vollzeit zu arbeiten. Das muss sie auch nicht. Sie ist jetzt so viel wie möglich mit Leana draußen an der frischen Luft, geht spazieren, entdeckt die Welt mit ihr. Das tut nicht nur der Kleinen gut, sondern auch ihr selbst. Wahnsinnig viel zu arbeiten, ist nicht nachhaltig, diese Einsicht habe sie rückblickend gewonnen, erzählt sie. Sie sei jetzt viel robuster und weniger krank als früher. „Wenn man arbeiten und leben kann, wenn man die richtige Mischung findet, dann kann man lange produktiv sein.“ Ist das überhaupt notwendig? Macht uns KI nicht arbeitslos? Sie schüttelt den Kopf und lächelt. „KI wird viele Arbeitsplätze kosten. Aber es werden auch neue entstehen. Berufe, an die wir heute noch gar nicht denken.“ „Vielleicht ermöglicht uns KI, dass wir generell ein bisschen weniger arbeiten“, meint sie. Mehr Zeit zu haben für die Familie, für Freunde, und vielleicht sogar Freiwilligenarbeit zugunsten Hilfsbedürftiger oder Umwelt: Wenn man sich die Zukunft so ausmalt, kann sie gar nicht schnell genug kommen, finde ich.
Doris Martinz