Ezatullah Rahmani erzählt von seiner Flucht aus Afghanistan, schwierigen Anfängen und von dem, was ihn fassungslos macht.

Irgendwie will es mit der B1-Prüfung nicht klappen, dabei will er sie so unbedingt bestehen. Er will endlich Österreicher werden, auch auf dem Papier. Im Herzen ist ihm unsere Region­ längst zur zweiten Heimat geworden. Aber wenn er vor den Prüfern steht, ist der Kopf plötzlich leer, die deutschen Wörter und Phrasen sind wie weggeblasen. „Prüfungsangst“, sagt Ezatullah Rahmani. Und: „Die Taliban haben mich viel auf den Kopf geschlagen.“
Seit einigen Jahren führt Ezatullah gemeinsam mit seiner Frau Parwin eine kleine Änderungsschneiderei in St. Johann. Er ist Schneidermeister, er könnte elegante Anzüge und rauschende Abendroben schneidern. Doch das darf er nicht, seine Befähigung wird in Österreich nicht anerkannt. Die Lehre und den Meisterkurs nachzumachen, neben der Familie mit vier Kindern und zwei Jobs – dafür fehlt ihm die Zeit.
Ezatullah und Parwin stammen beide aus Afghanistan, aus Kundus, im Nordosten des Landes. Ezatullah wird 1978 geboren; er besucht als Kind sechs Jahre lang die Grundschule, dann muss die Familie aufgrund des Krieges in eine andere Stadt übersiedeln. Auch dort holt sie der Krieg ein. Statt weiter zur Schule zu gehen, wird er Schneider und eröffnet in Kundus später sein eigenes kleines Geschäft. Erneut muss er vor dem Krieg flüchten und andernorts sein Glück als Schneider versuchen. Dabei findet er in Parwin auch seine große Liebe, die beiden heiraten. Doch dann kommen die Taliban und fackeln seine Schneiderei ab, sie zerstören alles, auch die Wohnung, und nehmen ihn fest. Über drei Monate lang wird er in Kandahar im Gefängnis immer wieder verhört und geschlagen. Sein Vergehen: Er steht im Verdacht, ein politischer Gegner zu sein. „Aber ich war nur ein Schneider, der zur falschen Bevölkerungsgruppe gehörte“, erzählt er mit leiser Stimme.

Flucht nach Österreich

Als Ezatullah aus dem Gefängnis entlassen wird, sind seine Frau und seine Eltern nicht mehr aufzufinden. Er nimmt an, er hofft, dass sie geflohen sind. Wohin, das weiß er nicht. Ein Kollege, den er in der Gefangenschaft kennengelernt hat, rät ihm, das Land zu verlassen. Österreich, meint er, sei ein sicheres und gutes Land mit netten Leuten. Er bezahlt den Schlepper für sich und Ezatullah. Ein halbes Jahr dauerte es, bis sie mit dem LKW ihr Ziel erreichen. Ezatullah wird 2001 im Flüchtlingsheim Traiskirchen aufgenommen, sein Freund reist weiter, er will zu Verwandten nach Amerika.

Nach einiger Zeit wird Ezatullah von Traiskirchen nach

St. Pölten verlegt. Als ihm ein anderer Flüchtling sagt, dass er in Österreich keine Aussicht auf einen positiven Aufenthaltsbescheid hat, kauft er ein Zugticket und fährt nach Frankfurt. Doch auch in Deutschland will man ihn nicht haben: Nach sieben Monaten und sieben Tagen, Ezatullah erinnert sich genau, wird er aufgegriffen und nach Österreich zurückgeschickt. Diesmal landet er im Flüchtlingsheim Bürglkopf in Fieberbrunn. Mit der Leiterin der Einrichtung versteht er sich bald sehr gut. Sie sieht, dass Ezatullah sehr bemüht ist, seinen Teil für ein gutes Miteinander im Heim beizutragen und vermittelt für ihn einen Arbeitsplatz in einem Hotel in Kirchberg. Denn er will arbeiten, auch wenn er kaum ein paar Worte Deutsch spricht und genauso wenig versteht.
Mehr als drei Jahre arbeitet­ Ezatullah in jenem Hotel in Kirchberg, er geht dem Hausmeister zur Hand, unterstützt die Zimmermädchen und lernt daneben fleißig Deutsch. Dann wechselt er zum Stanglwirt, wo man einen Tellerwäscher benötigt. Doch Ezatullah wäscht nicht nur Geschirr, er entdeckt auch sein Talent für die Zubereitung von Süßspeisen, und das bleibt dem Küchenchef nicht verborgen. Vor allem Ezatullahs Kaiserschmarren kommt bei den Gästen gut an – manche behaupten sogar, er sei der beste der Welt. Dank seines Einsatzwillens und seiner Lernbereitschaft macht man Ezatullah zum „Commis de partie“ in der Patisserie. Das ist er noch immer. „Ich bin zufrieden“, sagt er.

Endlich wieder vereint

Obwohl er immer wieder Nachforschungen anstellte, konnte Ezatullah während der ersten sechs Jahre, in denen er in Österreich lebte, keinerlei Kontakt zu seiner Frau oder zu seinen Eltern herstellen. Dann endlich fand sich eine Spur, eine Telefonnummer. Ezatullah wird sich für immer an den Augenblick erinnern, an dem er nach sechs Jahren zum ersten Mal die Stimme seiner Frau hörte. Das gilt wohl auch für Parwin. Sie wusste nicht, ob ihr Mann noch am Leben war, die Familie hatte das Schlimmste befürchtet.
Es dauerte weitere sechs Jahre, bis Ezatullah seine Frau nach Österreich holen konnte. Immer scheiterte das Vorhaben an fehlenden Papieren und sonstigen Auflagen. Zwölf Jahre nach Ezatullahs Einreise in Österreich kam Parwin schließlich nach, die beiden haben heute vier Kinder im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren. Auch Parwin ist Schneiderin, wie ihr Mann. Obwohl sie inzwischen seit 13 Jahren in der Region­ lebt, tut sie sich schwer mit unserer Sprache; sie bekommt weiterhin jede Woche privat Deutschunterricht. Gemeinsam betreiben Parwin und Ezatullah die Änderungsschneiderei, Ezatullah arbeitet zudem weiterhin beim Stanglwirt.
Mit dem Geld, das sie verdienen, unterstützen sie auch ihre Familien in Afghanistan. Zwei Schwestern von Ezatullah sind eigentlich Lehrerinnen, sie dürfen aber seit fünf Jahren nicht mehr arbeiten. Seiner Nichte wurde erlaubt, bis zur sechsten Klasse die Schule zu besuchen, jetzt wird sie nur mehr daheim unterrichtet. Eine Chance auszureisen, haben die Verwandten nicht – sie müssten eine hohe Kaution hinterlegen, die nicht aufzubringen ist. Nach Afghanistan zu reisen, ist ebenfalls sehr teuer. Wann und ob es je ein Wiedersehen mit der Familie geben wird, ist deshalb fraglich. Diese Tatsache schmerzt sehr, gesteht Ezatullah: „Meine Mutter ist alt, ich würde sie gerne noch einmal sehen. Wir sind hier allein und können nur Geld schicken, anders können wir nicht helfen.“

Eine Zukunft

Ezatullah, Parwin und ihre Kinder fühlen sich sehr wohl in der Region und sind dankbar dafür, dass sie bei uns in Sicherheit und bescheidenem Wohlstand leben können. Sie gehören dem muslimischen Glauben an. Auf meine Frage, ob die Rahmanis Weihnachten feiern, meint Ezatullah: „Natürlich, wir sind in Österreich, wir leben mit zwei Kulturen. Die mischen wir, das ist eine gute Sache für Österreich und für uns.“ Weil der Ramadan zur Zeit unseres Gesprächs bald zu Ende geht, lädt mich Parwin gleich zum Zuckerfest ein. In die Porzellantasse, in der sie grünen Tee serviert, hat sie einen Kardamom-Samen hineingegeben. Sein Aroma verleiht dem Tee eine ganz eigene, fruchtige Note – herrlich!
Was schätzt die Familie Rahmanis am meisten in Österreich? „Wir können ruhig schlafen“, antwortet Ezatullah. In seiner Heimat müsse man immer Angst haben, in der Nacht aus dem Bett geholt und verschleppt zu werden. Und dass die Kinder von der Schule nicht mehr nach Hause kommen. „Hier haben sie eine Zukunft vor sich“, sagt ihr Vater mit glänzendem Blick. Er erzählt davon, dass einer seiner Söhne vor zwei Jahren daheim in Going vom Garagendach gefallen sei. Der Hubschrauber kam, um ihn in die Klinik nach Innsbruck zu bringen, wo er versorgt wurde. Eine Selbstverständlichkeit – für uns. Ezatullah jedoch schildert, wie fassungslos er gewesen sei. In Afghanistan würde man in so einem Fall keine Hilfe bekommen, wahrscheinlich wäre nicht einmal ein Arzt verfügbar.
Gibt es auch etwas, womit der 48-Jährige hadert in Österreich, etwas, das schwierig ist für ihn? „Nein“, er schüttelt den Kopf. Nur die Deutsch-Prüfung für die Staatsbürgerschaft, die sei schwierig. Ich bin mir sicher: Er wird sie bald schaffen.

Doris Martinz

Habt ihr Ärmel zu kürzen, Reißverschlüsse einzunähen, oder soll die Lederhose herausgelassen werden, damit beim Knödeltisch mehr Knödel Platz haben? Ezatullah und seine Frau erledigen das alles und noch viel mehr für euch. Schaut vorbei!
„Nadel & Faden“,
Dechant-Wieshofer-Str. 17, St. Johann