Kristina Tomic über das, was KI im Bezirkskrankenhaus St. Johann i. T. leistet, was sie kann – und nicht kann.
50 Prozent der Arbeitszeit widmen Ärzt:innen administrativen Aufgaben – wertvolle Stunden, die sie lieber für die Behandlung ihrer Patient:innen nützen würden. Bislang war an der Situation nichts zu ändern. KI, künstliche Intelligenz, bringt nun jedoch einiges in Bewegung – zumindest im Bezirkskrankenhaus St. Johann i. T.
Im Jänner dieses Jahres schrieb man hier Geschichte: Zum ersten Mal in Österreich wurde ein KI-gestützter Entlassungsbrief an einen Patienten ausgehändigt. Der Brief wurde in zwei Versionen erstellt: In einer fachlich optimierten für weiterbehandelnde Ärzt:innen, die andere in leicht verständlicher, patientenfreundlicher Sprache. Auch die Ausführung in verschiedenen Fremdsprachen ist vorgesehen.
Die neue Technologie wird nun nach und nach in bestehende Abläufe eingebettet und kontinuierlich weiterentwickelt. Ziel ist es, den gesamten „Behandlungspfad“ – von der Aufnahme über die Behandlung bis zur Entlassung von Patient:innen – schrittweise von KI unterstützen zu lassen. Dafür arbeitet man mit der Symptoma GmbH zusammen, einem international ausgezeichneten Anbieter von KI-Lösungen und Medizinprodukten im Gesundheitswesen.
KI ist kein „Autopilot“
Interne Projektleiterin ist die gebürtige Wienerin Kristina Tomic, die vor fünf Jahren ans Krankenhaus St. Johann kam. Sie studierte internationale BWL mit Schwerpunkt Gesundheitsmanagement und arbeitete anschließend in einem Spital in Wien als Assistentin des Verwaltungsdirektors. Eigentlich, so erzählt sie bei unserem Gespräch, habe sie nach einem Auslandssemester in Kanada
nach Montreal auswandern wollen. Da sie kein Arbeitsvisum erhielt, musste sie diese Pläne jedoch aufgeben. Und die Alternative war dann
St. Johann? Sie lacht. „Für St. Johann sprachen mehrere Gründe: Der Job, die Liebe, die Berge“ verrät sie.
Im Krankenhaus arbeitet sie aktuell im Controlling, zudem ist sie mit der Projektleitung „KI“ beauftragt. Der Nutzen für die Mitarbeitenden im Haus liegt für Kristina Tomic klar auf der Hand: „Unsere Leute können sich dank KI auf ihre Arbeit konzentrieren, das ist der wesentliche Punkt“, sagt sie. Wie und wo die KI hilft, erklärt sie an einem Beispiel: „Nehmen wir einen Schifahrer, der mit einem gebrochenen Bein zu uns ins Krankenhaus kommt und stationär aufgenommen wird. Alle Daten – also seine persönlichen Gesundheitsdaten, seine eventuelle Historie im Krankenhaus, Befunde, Medikation, erhobene Vitalwerte und mehr – werden digital erfasst. Bei der Entlassung mussten sich Ärzt:innen bis vor Kurzem aus all den erfassten Daten die relevanten Informationen zusammensuchen und den Arztbrief diktieren, der von einer weiteren Person geschrieben wurde. Das konnte – besonders an Tagen mit hoher Frequenz, es werden ja täglich hunderte Patient:innen bei uns versorgt – auch einmal länger dauern. In Zukunft filtert die KI alle relevanten Daten und erstellt einen Vorschlag für den Arztbrief. Arzt oder Ärztin müssen ihr OK geben, bevor der Brief mit einem Klick in zwei unterschiedlichen Ausführungen ins Sekretariat beziehungsweise an den Hausarzt geht.“ Wichtig zu wissen sei, so Tomic, dass KI kein „Autopilot“ sei, der eigene Entscheidungen treffe. „Arzt und Ärztin sind immer involviert und treffen letztendlich die Entscheidung.“
So geht es weiter
Arbeitsplätze seien durch die KI-Unterstützung nicht gefährdet, unterstreicht die Controllerin. „Die Devise ist entlasten, NICHT entlassen.“ Das Krankenhaus decke die Versorgung von 80.000 Menschen in der Region sowie der Touristen ab – in der Administration falle so viel Arbeit an, dass niemand um seinen Job bangen müsse.
Der nächste Schritt des Projekts betrifft die KI-gestützte Ambulanz: In Zukunft sollen Patient:innen, die damit einverstanden sind, bei der Anmeldung im Krankenhaus Informationen über den Grund ihres Kommens über ein Tablet erfassen und dabei auch eventuelle Vorerkrankungen, ihre Krankheitsgeschichte, Symptome und weitere Infos eingeben. Wenn die Patientin/der Patient dann zur behandelnden Ärztin/zum Arzt kommt, kann sich jene(r) schnell einen Überblick verschaffen und sich ganz auf die Person vor ihr/ihm konzentrieren. „Das steigert die Qualität der Behandlung“, weiß Kristina Tomic. Es können künftig auch Gespräche aufgezeichnet und automatisch digitalisiert werden – freilich nur, wenn die Patient:innen dem zustimmen. Die KI verschriftlicht, wertet das Gespräch aus und erstellt einen Vorschlag für die Leistungszahlen zur Abrechnung, die der Arzt/die Ärztin bewertet und vielleicht auch mit dem Chatbot diskutiert.
Die Vorteile für die Patient:innen liegen in verkürzten Wartezeiten, die Ärzteschaft profitiert von einer Zeitersparnis, die wiederum den Patient:innen zugutekommt.
Übrigens sind Ärzt:innen dazu verpflichtet, sich in die Akten ihrer Patient:innen einzulesen. Kristina Tomic dazu: „Das ist kein Problem, wenn Patient:innen eine kurze Krankengeschichte mitbringen. Aber es ist schier unmöglich, wenn ihre Geschichten dicke, große Aktenmappen füllen, was nicht selten der Fall ist. Die KI soll zukünftig diese Akten durchforsten , zusammenfassen, mögliche Zusammenhänge erkennen und ihre Schlüsse für die Behandlung ziehen. Damit haben Arzt und Ärztin innerhalb von Sekunden eine Basis, von der sie ausgehen können.“
Nicht nur im Zusammenführen von Daten, auch in der Diagnostik, so Kristina Tomic, sei die KI unschlagbar. „KI-Systeme können Brustkrebsrisiken und kleinste Gewebeveränderungen oft bis zu fünf Jahre früher erkennen als herkömmliche Methoden der Radiologie. Da wird sich in Zukunft viel tun.“ Aber was, wenn solch sensiblen Informationen und Daten in falsche Hände geraten? Wie sicher sind die Gesundheitsdaten im Krankenhaus St. Johann?
Daten bleiben im Haus
Die eingesetzte KI werde nur innerhalb der Krankenhausstruktur betrieben, versichert die Projektleiterin. Gewonnene Daten bleiben in einem geschlossenen System im Haus und werden ausschließlich für die bestmögliche Behandlung der Patient:innen verwendet. Die Auslagerung in eine externe Cloud komme nicht in Frage, genauso wenig die Weitergabe an Dritte. Stattdessen habe man intern in eine entsprechend leistungsfähige Infrastruktur investiert. „Zur guten Behandlung gehört auch der Datenschutz, nicht nur das Medizinische“, sagt sie.
Warum geht ausgerechnet das Krankenhaus St. Johann i. T. mit dem Einsatz von KI voran? Dafür gebe es mehrere Gründe, erklärt die Wahl-Sainihånserin. Die Größe des Spitals mit seinen kurzen Wegen eigne sich gut dafür, Neues auszuprobieren und unmittelbar Feedback zu gewinnen. Zudem war St. Johann 2008 eine der ersten Krankenanstalten österreichweit, die zur Gänze digitalisiert waren. Und dann brauche es natürlich auch Mut und die Bereitschaft, sich auf ein noch unbekanntes Terrain zu begeben. Und den Rückhalt des gesamten Teams. „In anderen Häusern muss für solche Projekte zuerst viel Überzeugungsarbeit geleistet werden. Unsere Teams waren von Anfang an mit im Boot und überzeugt davon, dass KI sie wirkungsvoll unterstützen wird“, berichtet Tomic. Landesrat Mario Gerber hat das Krankenhaus St. Johann also nicht umsonst als Vorzeigemodell und „Hidden Champion“ bezeichnet. Sie nickt. „Darauf bin ich schon ein wenig stolz.“
Doris Martinz
