Thomas Pointner aus Schwendt hat mit knapp 50 Jahren seinen Top-Job aufgegeben, um Pfleger zu werden.

25 Jahre lang war er bei EGGER beschäftigt, er war Personalleiter für die drei österreichischen Standorte und zuletzt als Teamleiter verantwortlich für die Themen Personalentwicklung, Employer Branding, Lehrlingsausbildung und das Gesundheitsmanagement. Es war eine gut bezahlte Stelle, ein interessantes Aufgabengebiet, und seinem ehemaligen Arbeitgeber stellt Thomas ein gutes Zeugnis aus: „EGGER ist mir immer entgegengekommen, man hat mich stets unterstützt, es war eine gute Zeit.“ Und doch konnte ihm das Industrieunternehmen letztendlich nicht bieten, wonach er suchte.

Ins Rollen kam alles nach einem Schicksalsschlag in der Familie, der ihm aufzeigte, wie schwierig es ist, alte Menschen und Menschen mit besonderen Bedürfnissen entsprechend zu versorgen und unterzubringen. Plötzlich sah sich der Schwendter mit dem Thema Pflege konfrontiert. „Das hat etwas in mir verändert, mit meiner Einstellung zum Leben. Ich stellte mir die Frage, ob ich in den nächsten Jahren, bis zu meiner Pensionierung, wirklich rein für maximalen Gewinn arbeiten will – was ein Unternehmen natürlich tun muss – oder ob ich vielleicht etwas komplett Neues beginnen wollte“, erinnert sich Thomas. Der Gesundheitsbereich habe ihn immer schon interessiert, auch deshalb, weil der Sport seine Leidenschaft ist. „Bei einigen Sportunfällen hatte ich wirklich Glück, sie sind immer glimpflich ausgegangen. Überhaupt hatte ich in meinem Leben schon ganz viel Glück und ich verspürte das Bedürfnis, mich persönlich weiterzuentwickeln. Eventuell kann ich nun jenen etwas zurückzugeben, die eine schwierige Phase durchleben. Ich wollte etwas Sinnstiftendes tun.“

Thomas entschloss sich, ein Jahr lang in Bildungskarenz zu gehen und begann per Fernstudium ein Masterstudium der Wirtschaftspsychologie, das er weiterhin verfolgt. Zugleich hörte er sich letztes Jahr um und führte eine Unterhaltung mit Medicubus-Direktor Helmut Wallner. Der erste Eindruck war überaus positiv: „Ich hatte gleich ein gutes Gefühl, das Gespräch war offen und in keiner Weise beschönigend. Man riet mir dazu, die Ausbildung zum ,Bachelor of Science in Health Studies’ zu machen, und dann habe ich mich dazu entschlossen. Denn Kinder und ältere Menschen brauchen Unterstützung, und es braucht auch mehr Männer in den Pflegeberufen.“

Vom Chef zum Studenten

Das erste von sechs Semestern liegt inzwischen hinter Thomas. Die ersten zwei Monate seien eine echte Challenge gewesen, gesteht er: „In einer Gruppe nicht mehr der Chef, sondern Student zu sein, auch das Lernen an sich, das völlig neue Umfeld, das war alles ganz schön fordernd“, gibt er lächelnd zu. Aber die ersten Prüfungen seien alle gut gelaufen, die Gruppe sei „volle lässig“ und bunt gemischt mit Leuten im Alter zwischen 20 und 50 Jahren, die sich mit viel Wertschätzung begegnen. Sein erstes Praktikum wird Thomas im Sozialzentrum Kössen-Schwendt absolvieren. „Im Pflegebereich geht es generell darum, Menschen zu stärken und in interdisziplinären Teams zu arbeiten, mit Ärzten, Therapeuten, Psychologen und mehr. Der Mensch muss für mich wieder im Mittelpunkt stehen und nicht nur als Ressource dienen.“
Gemeinsam etwas zu bewirken und dafür zu sorgen, dass es Menschen besser gehe, darauf freue er sich, sagt er, und in seiner Stimme spiegelt sich diese Freude ganz unverkennbar wider.

Ist Geld alles?

Für Berufstätige, die in den Pflegeberuf wechseln wollen, gebe es attraktive Förderungen und Beihilfen, weiß Thomas. Da er jedoch gut verdient habe, sei der finanzielle Einschnitt für ihn nun doch spürbar. Ein Problem hat er damit nicht. Auch seine Frau, die ihn auf seinem Weg unterstützt, sei berufstätig, die Familie finanziell abgesichert. „Ist Geld alles?“, diese Frage stellt er mir nur rhetorisch. Tochter Isabella, elf Jahre alt, sei jedenfalls stolz auf ihn, sie finde es gut, dass ihr Papa in die Pflege geht. Auch Pflegetochter Elif, sechs Jahre, ist begeistert.
Es gab und gibt aber auch kritische Stimmen im Umfeld der Familie. Leute, die nicht verstehen können, dass Thomas einen so guten und lukrativen Job einfach hingeworfen hat. „Ich habe gar nicht verlangt, dass es wer versteht. Es muss für mich und meine Familie passen. Aber es wäre schön, wenn die Menschen in unserem Umfeld es akzeptieren und mitgehen. Jeder muss selbst wissen, was für ihn wichtig ist.“
Viele Menschen fragen ihn, warum er sich den beruflichen Wechsel im „fortgeschrittenen“ Alter von 50 Jahren überhaupt noch antut. Seine Antwort laute dann immer, dass er immerhin wohl noch mindestens 15 Jahre der Berufstätigkeit vor sich habe und sich für jene eine neue Herausforderung gewünscht habe, so Thomas.
Er sagt, nach den ersten Einblicken bewundere er die Leistungen der Pflegefachkräfte in den Gesundheitseinrichtungen umso mehr. „Was diese Leisten, das wird von der Öffentlichkeit viel zu wenig gewürdigt!“
Wohin es ihn nach Abschluss der Ausbildung ziehen wird – ins Pflegeheim, in die Onkologie-Abteilung des Krankenhauses oder vielleicht in eine Reha-Einrichtung – das sei noch offen. „Es gibt so viele Fachbereiche, in denen man sich spezialisieren kann. Ich stehe jetzt ja erst am Anfang, und es gibt noch viel zu lernen.“
Zuerst einmal gelte es, Prüfungen und Praktika „sauber“ hinzukriegen. „Ich will alles von der Pike auf lernen, an den Aufgaben wachsen und mich persönlich weiterentwickeln. In der Folge werde ich mir dann überlegen, welche Spezialisierung vielleicht in Frage kommt.“ Das klingt nach einem guten Plan.
Doris Martinz