Christoph Holz hat sich 2016 einen Mikrochip implantierten lassen. Wie er ihn nützt, und was noch alles kommen könnte …

Unfassbar eigentlich, dass mir Christoph Holz, Informatiker und Keynote-Speaker aus St. Johann, erst im Jänner dieses Jahres davon berichtet, dass er einen implantierten Chip in seinem Körper trägt. Einige Male haben wir uns schon getroffen und über Gott und die Welt geredet – nur nicht über den kleinen Computer, der längst Teil seines Körpergefühls geworden sei, wie er es beschreibt. Er schiebt das winzige Ding – es ist zehn Millimeter lang und einen guten Millimeter breit und befindet sich in der Mulde zwischen Zeigefinger und Daumen seiner linken Hand – hin und her. „Das habe ich mir angewöhnt, wie andere Leute vielleicht gedankenverloren am Ohrläppchen zupfen“, gesteht Christoph schmunzelnd. Nur sehr ungern würde er darauf verzichten wollen. „Haustiere haben sowas ja schon lange. Ich wollte endlich auf Augenhöhe mit meiner Katze sein“, scherzt er. Unsere Haustiere sind also längst „Cyborgs“, Mischwesen aus biologischem Organismus und Maschine. So, wie Christoph und ein paar tausend andere Menschen auf diesem Planeten auch.

Piercing der besonderen Art

Er ließ sich den Chip 2016 in Hannover bei der „CEBIT“, ehemals eine der weltweit größten Messen für Informationstechnik, implantieren. Es sei eine Impulshandlung gewesen, erzählt der 59jährige. „Hätte ich darüber geschlafen, hätte ich es wahrscheinlich nicht gemacht“, gesteht er. Implantiert wurde der Chip von einem Piercer. So gesehen ist der Chip also nichts anderes als ein Piercing, das „subkutan“, also in das Binde- und Fettgewebe direkt unter der Haut, platziert wird, von wo aus es nicht in die Blutgefäße wandern und Arterien oder Venen verstopfen kann. Hat es weh getan? „Der Chip sitzt in der Kanüle einer Spritze mit zwei Millimeter Durchmesser. Der Moment, wenn sie den Widerstand der Haut überwindet und in das Gewebe eindringt, ist nicht angenehm, es fühlt sich wie ein Wespenstich an. Aber man kann das leicht aushalten“, versichert er. Der Adrenalinstoß, den das Piercen auslöste, habe sogar ein paar Stunden lang für ein Hochgefühl gesorgt. „Als Reaktion auf den kurzen, intensiven Schmerz schüttet der Körper Endorphine und Adrenalin aus, das kommt auch bei anderen Piercings vor. Ich war wie high.“ Emotionen löste das besondere Piercing auch bei Christophs Frau, einer Ärztin, aus – allerdings weniger positive. Sie habe kein Verständnis und gefragt, wer das Ding irgendwann wieder entfernen solle, erzählt Christoph. „Das soll dann natürlich SIE machen“, meint er mit einem spitzbübischen Lächeln. Noch aber ist es nicht soweit. Denn Christoph Holz will sich nicht von dem Stück Maschine in seinem Körper trennen.

Technik kompensiert Defizite

Eine Maschine oder ein Computer in den menschlichen Körper zu implantieren, diese Idee ist nicht neu, sondern gelebte Praxis: Der kleinste Computer, der in Österreich eingesetzt wird, ist so groß wie eine Zwei-Euro-Münze. Er wird bei Babys über einen Schnitt in der Kopfhaut über die Schädeldecke geschoben und mittels Drähten mit dem Gehirn verbunden. „Das ist das Cochlea-Implantat. Gehörlose Babys lernen damit hören und sprechen, es ermöglicht ihnen ein soziales Leben“, erklärt Christoph. Die Maschine kompensiert damit menschliche Defizite. Aber sie ist kein „Upgrade“ für Babys, sie verleiht ihnen keine übermenschlichen Fähigkeiten. Könnten Babys damit besser hören, als es je einem Menschen möglich ist, würde man von Transhumanismus sprechen. Transhumanismus ist eine philosophische Strömung und politische Ideologie, deren Anhänger die Grenzen menschlicher Möglichkeiten – sei es intellektuell, physisch oder psychisch – durch den Einsatz technologischer Mittel erweitern wollen. Ziel ist es, biologische Grenzen wie Krankheiten, Alterung und schließlich den Tod zu überwinden. Ein spannendes Thema, das wir in einer der nächsten Ausgaben ausführlicher mit Christoph behandeln. Aber fürs Erste zurück zu seinem Mikrochip. Wie nützt er ihn?

Digitale Visitenkarte

„Hast du einen NFC Reader auf deinem Handy?“, stellt Christoph eine Gegenfrage. Ich habe keine Ahnung, wovon er spricht. Doch als ich auf seine Aufforderung hin mein Mobiltelefon ganz nah an seine linke Hand halte, erscheint auf dem Screen die „LinkedIn-Seite“ und zeigt mir Christophs Kontakt. „So kann ich meine Daten weitergeben“, sagt er lässig. Der Chip habe 800 Bits Speicherkapazität, die er jedoch kaum nütze. „Aber er ist besser als ein USP-Stick. Denn wenn die Hand weg ist, merke ich das sofort“, sagt er mit einer guten Portion trockenem Humor.
Als er noch sein Büro in Innsbruck betrieb, habe er mit dem Chip den Türcode geöffnet. Gesundheitsdaten würden sich auf dem Mini-Computer noch nicht befinden, „das wäre aber wünschenswert“, so seine Ansicht. Bei einem Unfall könnten so innerhalb von Sekunden wichtige Informationen geteilt werden über Blutgruppe, aktuelle Medikation, eventuelle Allergien und so fort. Das sind sensible Daten, die auch in falsche Hände geraten könnten. Wie ist Christophs Meinung zum Datenschutz? „Datensicherheit ist machbar! Ich bin der Meinung, dass auf jede Handyhülle auf die Rückseite ein Kleber angebracht gehört mit der Botschaft ,Datenschutz kann Ihre Gesundheit gefährden’. Jeder kann das halten, wie er will, ich für meinen Teil will einem neuen Arzt meine Gesundheitsdaten nicht vorenthalten, wenn man das so lösen kann.“

Ein Update steht an

Christoph hofft, irgendwann mit seinem Mikrochip an der Bankomatkasse bezahlen und viele weitere Möglichkeiten nützen zu können. Dafür braucht es wahrscheinlich ein Update der Hardware. Das komme dann, versichert er, aber man sieht ihm an, dass ihm die Aussicht auf das Entfernen des alten und Implantieren des neuen Mikrochips doch etwas Unbehagen bereitet – vielleicht will er aber auch nur seiner Frau die Schadenfreude nicht gönnen, die wohl nur allzu gewiss ist.
Eine weitere Gewissheit ist jene, dass Mikrochips nicht mit einer gewöhnlichen Spritze, wie sie etwa für Impfungen verwendet wird, eingepflanzt werden können. Während der Pandemie ist dies dort und da behauptet worden. „Dafür ist die Nadel viel zu dünn, das ist unmöglich“, bestätigt Christoph. Der kleinste erhältliche Mikrochip sei auch heute noch zehn Millimeter lang und bestehe zu 90 Prozent aus einer Antenne. „Die muss diese Mindestlänge haben, um funktionieren zu können.“ Manche Dinge müsse man einfach ausprobieren, so Christoph. Das gelte im Besonderen für die Digitalisierung und künstliche Intelligenz: „Es ist wie Sex: Du kannst jede Menge darüber lesen, irgendwann musst du es probieren.“ Wir versuchen auf jeden Fall, demnächst etwas Klarheit in das Thema Transhumanismus zu bringen. Ist es zum Beispiel verwerflich, die eigene körperliche Leistung beim Bergwandern mithilfe eines „Hyper Shells“ Exoskeletts um 30 Prozent zu steigern? Lest bald mehr darüber! Doris Martinz