Wie der Maler Mande von Uganda nach Tirol kam, was er mit seiner Kunst bewirken will und mehr.
Es ist dieser Blick. Es sind diese Augen. Scheu, und doch neugierig sind sie. Die Ruhe und Kraft eines verletzlichen und doch starken Geschöpfs liegen in ihnen. Da ist Zerbrechlichkeit. Und Schalk. Ist die Verbindung erst einmal hergestellt, ist es schwierig, sich der Magie der Augen des Gorillas auf der Leinwand zu entziehen – und überhaupt Mandes Kunstwerken. Kraftvoll sind sie, gemalt wie im Farbenrausch. Sie berühren.
Ich treffe mich mit Mande in Stamps Galerie in St. Johann. Ich bin vor ihm da und sehe ihm zu, wie er – ein wenig umständlich – seinen Kleinwagen vor der Galerie parkt. Wir kennen uns noch nicht, doch er winkt mir in seinem leuchtend roten Pullover durch die Glasfront fröhlich zu. Als ich ihm Momente später die Hand zur Begrüßung hinstrecke, ignoriert er sie und umarmt mich. Seine Offenheit und Herzlichkeit beschämen mich fast ein wenig. Wir unterhalten uns in Englisch, denn sein Deutsch sei noch nicht so gut, meint er. Das liegt wohl auch daran, dass ohnehin jeder mit ihm Englisch spricht – Vorrecht des Künstlers. Er erzählt mir seine Geschichte:
Mande wird als Ahmed Mande 1995 in Kampala, der Hauptstadt von Uganda, geboren. Er ist ein Stadtkind und kommt nur selten hinaus aufs Land. Kaum zu glauben eigentlich, dass Mande – er hat seinen Nach- zu seinem Künstlernamen gemacht – nicht schon als Bub täglich jenen Tieren begegnete, die er später in Acryl und Öl auf Leinwand verewigt. Denn die Verbindung, die zwischen ihnen und dem Maler besteht, ist fast mit Händen greifbar und zieht die Betrachtenden in ihren Bann.
Hunderte Gorillas
Schon in der Grundschule zeichnet und malt Mande leidenschaftlich gerne. Gegen den Willen seiner Familie – sie hat mit Kunst nichts am Hut – schreibt er sich an der Makerere University Margret Trowel School of Industrial and Fine Art ein. Seine Eltern übernehmen dann doch die Studiengebühren, seinen Unterhalt finanziert Mande mit kleinformatigen Gemälden in Schwarz/Weiß, die der Inhaber eines Geschäfts in der Stadt vor allem an Tourist:innen verkauft. Seine Lieblingsmotive sind schon damals Gorilla und Löwe. Hunderte dieser kleinen Tierbilder entstehen, jedes einzelne von ihnen ein Original. „Aber ich habe dafür nie andere Farben verwendet. Die Farben blieben meinen Werken, die an der Universität entstanden sind, vorbehalten“, erzählt er mit einem breiten Lächeln. 2015 macht Mande seinen Bachelor-Abschluss in Bildender Kunst (Malerei). Jetzt ist er offiziell Maler. Trotz aller Einwände: „Sehr viele Menschen haben mir immer und immer wieder gesagt, dass ich keine Chance habe als Künstler, dass ich es zu nichts bringen werde. Aber ich hatte meine Vision und bin ihr gefolgt.“
Wien, länger als erwartet
Mit dem Geld, das er mit den Bildchen verdiente, baut er an seiner Karriere. Er kauft Farbe und Leinwand, stellt Kontakte her und bekommt erste Einladungen zu Kunstmesse in ganz Afrika. Später folgen Einladungen in die USA, nach Großbritannien, Skandinavien, Holland. 2019 lädt man Mande zu einem Symposium nach Wien ein: „Das war die beste Zeit meines Lebens. Einige Monate lang konnte ich einfach nur Malen, ohne Zwang und Auflagen“, schwärmt Mande. Damals entstehen etliche Kunstwerke, aber noch mehr Freundschaften. Im Februar 2020 kommt er erneut nach Wien, um in Galerien seine Werke zu präsentieren. Und auch, um sich den Winter bei uns anzusehen, um das Weiß in seine Kunstwerke aufzunehmen, um neue Inspirationen zu finden. Und dann kommt Corona: Mande sitzt in Österreich fest. Zum Glück kommt er bei einer Gastfamilie unter.
Durch Zufall lernt er einen Fieberbrunner kennen, der den Kontakt zu Wolfgang Schwaiger, Fieberbrunns „Kulturattaché“, herstellt. So kommt Mande nach Tirol, wo er bereits an einigen Orten ausstellte und Mal-Workshops abhielt. Er habe schon als Jugendlicher anderen beim Gestalten und Malen geholfen und sie unterstützt, erzählt er. Dies im Rahmen eines Workshops zu tun, fühle sich toll an. Beim Bummel durch St. Johann stößt er eines Tages auf die Galerie in der Speckbacherstraße und auf Stamp. Die beiden kommen ins Gespräch, eines ergibt das andere. Inzwischen kann man bei Stamp viele von Mandes Werken bewundern.
Es geht um Menschen
Seinen offiziellen Wohnsitz hat Mande mittlerweile zwar in Wien, doch immer wieder verbringt er auch Zeit in Fieberbrunn und kann sich vorstellen, eines Tages hier zu leben. Darüber, dass er sein Herz in Fieberbrunn verloren hat, will Mande nicht sprechen. Muss er nicht, das Leuchten in seinen Augen verrät alles. Lieber erzählt er vom Schifahren und davon, wie lustig die ersten Versuche waren. Inzwischen gehören Schi- und Schneemotive wie auch Stadtszenen zu seinem Repertoire. Er kann nun von seiner Kunst leben und das Wort „Finanzamt“ in Deutsch akzentfrei aussprechen; einen besseren Beweis für seinen Erfolg gibt es wohl nicht.
Macht dem Künstler die Kälte in Tirol nicht zu schaffen? Mande verneint. Er sagt, er liebe den Wechsel der Jahreszeiten und sei im Winter sogar am produktivsten. „Ich bin die Person, die schätzt, was sie gerade hat.“ Und wie kommt er mit den Leuten zurecht? „Menschen können überall kompliziert und auch sehr nett sein“, meint Mande dazu. Es gebe überall gute und schlechte Leute, und Rassismus ebenso – in seiner Heimat vor allem zwischen den Stämmen. „Die meisten Menschen sehen meine Kunst, darum geht es mir vor allem. Ich bin gesegnet, denn ich habe auf der Welt schon so viele wunderbare Menschen kennengelernt“, schwärmt Mande mit glänzenden Augen. Es gehe ihm um die Menschen, wiederholt der 31-Jährige. Nicht um Hautfarben und schon gar nicht um Religion. Seine Mutter, eine Christin, verließ die Familie, als Mande ein paar Jahre alt war. Sein Vater und seine beiden Geschwister konvertieren daraufhin zum Islam. Er kenne beide Religionen, er respektiere beide, sagt Mande. „Meine Religion heißt: Tue den Menschen Gutes! Es geht um den Glauben. Wenn ich mich von Religion hätte einschränken lassen, hätte ich viele außergewöhnliche Menschen nie kennengelernt und viele einzigartige Erfahrungen nicht gemacht.“
Mande möchte mit seiner Kunst die Menschen berühren. Ihr Herz öffnen für die Schönheit und Würde der Tiere in seiner Heimat. Ein Fundraising für sie ins Leben zu rufen, auch das ist eine seiner Visionen. Er malt aber auch Tiere, die in unserer Region leben. Er malt, was berührt. Auf eine Weise, die berührt. Er will mit anderen Künstler:innen zusammenarbeiten, junge fördern und irgendwann Spuren hinterlassen haben auf dieser Welt.
Der Gorilla blickt mich an mit dieser Mischung aus Scheu und Neugierde. Wie gebannt schaue ich zurück. Denn der Blick dieses Wesens, er reicht bis auf den Grund meiner Seele. Doris Martinz
Viele Bilder sind in Stamps Galerie in der Speckbacherstraße in St. Johann ausgestellt.
