Dr. Matthias Braito wollte eigentlich Eventmanager werden. Was den Primar für Orthopädie und Traumatologie heute an seinem Beruf fasziniert …
Sein Mobiltelefon läutet. Er drückt den Anruf weg und lächelt entschuldigend. „Das geht den ganzen Tag so“, meint er. Weil Prim. Priv.-Doz. Dr. Matthias Braito ein gefragter Mann ist, ziehen wir uns für unser Gespräch in sein Büro im Kellergeschoß zurück. Es rumpelt dumpf. „Die Rohrpost“, beantwortet Matthias – wir sind gleich per du – meinen fragenden Blick. Er lacht.
Seit September letzten Jahres leitet er im Bezirkskrankenhaus St. Johann als Primar die Abteilung „Orthopädie und Traumatologie“, Teil des Teams ist er bereits seit 2016. Schon früh zog es den gebürtigen Innsbrucker in diese medizinische Fachrichtung. Zunächst begann er seine Ausbildung als Assistenzarzt für Orthopädie an der Universitätsklinik Innsbruck. Die Perfektion von geplanten endoprothetischen Versorgungen mit großteils zufriedenen Patienten habe ihn schon früh fasziniert. Später wechselte er in die neue Ausbildungsordnung für Orthopädie und Traumatologie. „Weil ich selbst sportlich interessiert bin. Die Traumatologie, also die Unfallchirurgie, ist spannend, weil man mit vielen jungen Sportlerinnen und Sportlern zu tun hat, auch mit solchen, die wieder ganz gesund werden können. Das beschert auch dem Arzt Glücksmomente“, so der Orthopäde und Traumatologe. Eigentlich aber, gesteht er, habe er ursprünglich gar nicht Arzt werden wollen. Nicht seiner Mutter, einer Anästhesistin folgen, und nicht seinem Vater, der als Dienstführer des Roten Kreuzes Innsbruck gearbeitet hatte.
Vielmehr konnte er sich vorstellen, ins Eventmanagement einzusteigen. „Mich hat es immer gestört, wenn etwas nicht organisiert ist, nur zuschauen war nie das Meine“, sagt er. Als Primar kann er nun eine ganze Abteilung leiten und organisieren. Aber wie kam er dann doch in die Medizin? Über den Zivildienst, den er bei der Rettung in Innsbruck absolvierte. Die Transportbegleitung von Patientinnen und Patienten habe ihm so viel Spaß gemacht, dass ein Kollege ihn fragte, warum er eigentlich nicht Medizin studiere, erzählt Matthias. Aus dem Antrieb heraus, sich um Menschen zu kümmern, absolvierte er schließlich das Medizinstudium in Innsbruck. Nach seiner Ausbildung an mehreren renommierten Häusern – unter anderem in Salzburg und Innsbruck – führte ihn sein beruflicher Weg an das BKH St. Johann, wo er sich – neben seiner klinischen Tätigkeit – für die Organisation und Entwicklung der Abteilung engagierte. 2021 wurde er außerdem Dozent an der Medizinischen Universität Innsbruck, er absolvierte den Universitätslehrgang Health Care Management für medizinische Führungskräfte an der Donau-Universität Krems und ist stellvertretender medizinisch-wissenschaftlicher Leiter der Gesundheits- und Krankenpflegeschule im Medicubus.
Der Weg nach St. Johann
An das Krankenhaus St. Johann kam der heutige Primar im Jahr 2016 nach einem Anruf des damaligen Leiters der Traumatologie, Prim. Robert Kadletz. Die beiden lernten sich während ihrer gemeinsamen Zeit bei der Ausbildung für angehende Gipsassistenten in Innsbruck kennen, bei der sie sich die Vorlesungen teilten. Der Wechsel von Arbeitsplatz und Wohnort entsprach auch privaten Wünschen. Seine Ehefrau, gebürtig aus Saalfelden, begrüßte die Möglichkeit, die wachsende Familie in einem ländlichen Umfeld großzuziehen. Kennengelernt hatte sich das Paar während Matthias‘ Ausbildung im Unfallkrankenhaus Salzburg, wo seine spätere Frau als Diplomkrankenpflegerin arbeitete.
Heute lebt die Familie in Saalfelden, und Matthias pendelt mit der Bahn nach St. Johann. Die Zeit im Zug nütze er, um sich morgens auf den Tag vorzubereiten und abends noch das eine oder andere E-Mail zu schreiben, erzählt er. Zuhause gehören Zeit und Aufmerksamkeit der Familie. Zur mittlerweile zehnjährigen Tochter kam noch der jetzt sechsjährige Sohn. Sein Handy läutet, der 41-Jährige drückt den Anruf weg.
Arbeitsplatz mit Vorzügen
Primar Matthias Braito kennt auch andere Einrichtungen und Häuser; worin liegen für ihn die größten Unterschiede zum KH St. Johann? „Wo immer ich war, hat man gut zusammengearbeitet. Aber dass man mit Patientinnen und Patienten auf einer so persönlichen und herzlichen Ebene arbeitet, dass man gleich beim du ist, das habe ich nur hier bei uns und nirgendwo anders erlebt“, erklärt er. Es sei ihm wichtig, dies zu bewahren, betont er. „Ich habe selten so dankbare Patient:innen gesehen, wie bei uns im Haus. Man ist schon sehr froh, ihnen helfen zu können.“ Er schätze außerdem die kurzen Entscheidungswege eines kleinen Krankenhauses, sagt Matthias. Auch müsse er als Primar nicht auf die Medizin verzichten. „Ich könnte nicht ohne Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten arbeiten und sehe das als Riesenprivileg an.“ Die Schulter- und Handchirurgie sind seine Steckenpferde, hier erzielt man sehr gute Erfolge – neben den „Klassikern“ wie Knie und Hüfte.
Kein Gott in Weiß
Auch als Primar versuche er, immer konstruktiv, verbindend und ausgleichend zu wirken, sagt Matthias. „Wir haben ein gut funktionierendes Team. Klar braucht es Entscheidungsträger, aber wir lösen alles im Team.“ Dass er aufgrund seiner familiären Prägung viel Verständnis für andere Abteilungen und Berufsgruppen, zum Beispiel das Pflegeteam, mitbringe, komme ihm auch als Leiter der Abteilung entgegen. Also sieht sich der Primar nicht als „Gott in Weiß“, der über allem steht? „Nein, der bin i nit!“, sagt er mit einer abwehrenden Handbewegung.
Dennoch verfolgt er konkrete Ziele: Das Haus will sich seine Selbständigkeit bewahren, dafür setzt auch er sich ein. Mit einem zusätzlichen Operationssaal, dem sechsten, sollen heuer mehr Kapazitäten geschaffen und Wartezeiten für die Patient:innen verkürzt werden. Leistungen auszubauen sei das Ziel, „das ist auch wichtig für die Attraktivität des Arbeitsplatzes und für die Ausbildung junger Mediziner:innen.“ Das Handy läutet, Matthias drückt den Anruf weg.
Er verrichte gerne auch noch Dienste am Wochenende sowie unterstützende Nachtdienste, erzählt der Orthopäde und Traumatologe. „Ich möchte vom Team nichts verlangen, was ich nicht selbst mache. Ich bin quasi in diesem Haus aufgewachsen und weiß, was es braucht, was möglich ist.“ Wieder läutet das Handy, es klingt immer eindringlicher, Matthias runzelt die Stirn und drückt den Anruf weg.
Wir führen unser Gespräch im Jänner, mitten im „Wintergeschäft“. Der Mediziner wünscht sich mehr Schnee, weil Verletzungen der Wintersportler:innen dann oft nicht so schwer ausfallen würden. Selbst geht er gerne Skifahren und Langlaufen, auch mit den Kindern. Wie entspannt ist ein Orthopäde und Unfallchirurg, wenn er mit dem Nachwuchs auf der Piste unterwegs ist? Kann man da überhaupt abschalten? Das Nein kommt schnell. „Man sieht überall, was passieren kann. Aber man reißt sich zusammen und versucht, einen entspannten Eindruck zu machen“, gesteht er mit einem Augenzwinkern. Das funktioniere mal mehr und mal weniger gut.
Schwieriger sei es, mit Komplikationen bei Operationen umzugehen oder der Tatsache, dass man nicht allen Menschen helfen könne.
Handwerk auf höchstem Niveau
Als Orthopäde und Traumatologe ist Matthias Braito im Prinzip ein Handwerker, der Menschen bei Krankheiten oder nach Unfällen „repariert“. Bei herausfordernden Operationen lasse man sich besonders viel Zeit, erklärt er, und er werde ja auch unterstützt. „Welcher Handwerker hat das sonst, dass man ihm das Licht einstellt und das Werkzeug reicht? Das ist Handwerk auf höchstem Niveau!“, so drückt er es mit einem Schmunzeln im Gesicht aus. Sein liebstes Werkzeug? Vor meinem geistigen Auge sehen ich große Bohrmaschinen, Knochensäge, Hammer und Meißel. Doch Matthias sagt: „Das Raspatorium“ – ein unspektakuläres Schabinstrument. „Das braucht man fast immer.“
Am Wochenende tauscht er das Raspatorium gerne gegen den Tennisschläger. Er liebt den Tennissport; er liebt es, dem Ball hinterherzujagen. Vielleicht, weil er am OP-Tisch seinen Jagdtrieb nicht ausleben muss oder kann? Patient:innen flüchten sehr selten, soviel ich weiß. Wie auch immer: Matthias denkt daran, in der Abteilung heuer einmal ein Tennisturnier zu organisieren. Aber jetzt muss er erst einmal telefonieren …
Doris Martinz
