Helga Brunschmid erzählt von komplexen Herausforderungen, Schicksalsschlägen und Resilienz.
Unglaublich schön ist der Blick vom Binderhof in Kirchdorf auf das Kitzbüheler Horn und die Grasberge ringsum. Ich kann mich an jenem Herbsttag, an dem ich Helga besuche, kaum sattsehen daran. Die Tiroler Landesbäuerin lächelt. Sie wuchs am „Boarhof“ in Langkampfen auf; dass sie gerne einen Bauern heiraten würde, stand für sie schon in jungen Jahren fest. Das Schicksal spielte mit, sie lernte ihren Michael, „Mich“, kennen. Mit Helga kam die Liebe für die Bauernschaft auf den Binderhof, ihr Mann ließ sich gerne von ihrer Begeisterung anstecken. Während er seiner Arbeit in einer Bank nachging, übernahm sie daheim das Ruder. Von Anfang an war klar, dass die Landwirtschaft auf dem alten Hof keine Zukunft hatte: Sobald die Tiere aus dem Stall traten, standen sie auf der Straße, die direkt am Hof vorbeiführte, und lösten einen Verkehrsstau aus. Die Familie erbaute deshalb auf der anderen Seite der Straße den neuen Hof, auf dem ich Helga besuche. „Wir haben einen bärigen Betrieb daraus gemacht“, sagt die 62-Jährige, es schwingt Stolz mit in ihrer Stimme.
Neue Konzepte sind gefragt
Dass der Binderhof heute so gut dasteht, ist kein Zufall. Denn Helga versteht viel von dem, was sie tut. Nachdem sie an der HBLFA in Kematen maturiert hatte, absolvierte sie in Wien eine pädagogische Ausbildung und wurde daraufhin Beraterin in der Bauernkammer. Hauptsächlich kümmerte sie sich um die Belange der Bäuerinnen. Vor 40 Jahren waren es freilich andere als heute. Helga und ihre Kolleginnen halfen zum Beispiel bei der Küchenplanung und hielten Seminare für gesunde Ernährung. Aktuell waren jedoch auch damals schon die Themen Zusatzeinkommen und der Arbeitsplatz auf dem Hof. „Die sind mir ein Herzensanliegen“, verrät Helga. Sie und ihr Team der Landwirtschaftskammer unterstützen junge Bäuerinnen und Quereinsteigerinnen darin, auf dem Hof ihr Einkommen zu erwirtschaften. Mittelgroße Betriebe sollen durch verschiedene Ansätze wieder in den Vollerwerb gehen können. Denn Helga weiß: „Teilweise ist es so, dass Bäuerin und Bauer arbeiten gehen. Das ist irgendwann zu viel und macht keinen Spaß mehr.“ Junge Leute würden heute innovative Konzepte für ihre Höfe entwickeln, weiß Helga, sie halten beispielsweise Pferde, Mastrinder oder Legehühner und sind damit erfolgreich.
Prüfungen
Viele der Themen, mit denen sich Helga als Landesbäuerin befasst, sind zwischenmenschlicher Natur und betreffen das soziale Gefüge auf dem Hof. „Das ist oft schwierig. Man hat unterschiedliche Anschauungen, das ist grundsätzlich nichts Schlechtes, so passiert Weiterentwicklung und Vielfalt. Aber es menschelt halt“, so Helga. Die Kammer bietet auch psychologische Beratung an. Und manchmal geht es im Leben um weit mehr als um Unstimmigkeiten zwischen den Generationen:
Helga hat in ihrem Leben schon einige Hürden genommen: Sie und Mich waren noch nicht verheiratet, als Michs Vater 1987 beim Maibaumaufstellen tödlich verunglückte. „Plötzlich war die Verantwortung da.“ Wenige Jahre später verstarb auch die Schwiegermutter überraschend – nur ein paar Tage vor Beginn der Wintersaison. „Da waren wir beide allein, der Mich und ich.“ Helga hatte damals keine Ahnung vom Vermieten der Gästezimmer auf dem Hof, wie sie selbst sagt. Darum hatte sich ausschließlich die Schwiegermutter gekümmert. Aber irgendwie war alles zu bewerkstelligen. Nachbarin Leni sprang damals als Oma ein, bald heiß geliebt von den drei Kindern, die innerhalb von nur 34 Monaten auf die Welt gekommen waren: Michael, Christiane und Martin.
Im Alter von 27 Jahren wurde Helga Ortsbäuerin. „Das hat mir viel gegeben, so kam ich außer Haus und hatte Freundinnen und Unterstützung.“ Als Ortsbäuerin konnte sie ihre Fähigkeiten ausspielen: im Team arbeiten und Leute begeistern. In einer Organisation mitzuarbeiten, das gefiel ihr immer schon. Darum intensivierte sie die Zusammenarbeit mit der Landwirtschaftskammer und bildete sich weiter. Alles schien perfekt zu laufen, auch die Nachfolge auf dem Hof schien gesichert: Martin, der Jüngste, begeisterte sich von klein auf für die Landwirtschaft, er wollte Bauer werden und absolvierte eine entsprechende Ausbildung. Doch dann kam dieser Tag im Mai 2015, an dem Martin durch einen tragischen Arbeitsunfall im Alter von nur 22 Jahren aus dem Leben gerissen wurde. Nichts war mehr perfekt, und nichts war mehr sicher. Doch die Kühe im Stall und das Gras draußen auf den Feldern taten, als sei nichts geschehen. Die Sonne ging unter, und sie ging wieder auf.
Resilient
2021 wurde Helga Tiroler Landesbäuerin, die Periode endet nächstes Jahr. Dazu ist sie aktuell auch noch Vizepräsidentin der Landwirtschaftskammer. „Wir haben ein gutes Konzept, sind gut strukturiert von der Orts- bis hinauf zur Bundesebene. Das ist schon etwas Besonderes“, meint Helga. „In fast allen Orten in Tirol gibt es eine Ortsbäuerin. Und um sie herum immer ein Team, das sie unterstützt.“ Auch die Bäuerinnen gehen mit der Zeit und sind in den sozialen Medien gut vertreten. „Wir müssen uns weiterentwickeln, vieles verändert sich. Wir passen uns an.“
Helga hat die Schicksalsschläge, die sie ereilten, verarbeitet. Sie hat es geschafft, den immensen Verlust, die Trauer und das Leid, in ihr Leben zu integrieren und wieder Glück zu finden. „Ich habe die Gabe, dass ich resilient bin“, sagt sie dazu. „Wenn es ganz hart auf hart geht, werde ich immer noch besser.“ Diese Eigenschaft, so Helga kritisch, fehle der Gesellschaft heute. Weil wir unseren Kindern mit einem großen Besen alle Hindernisse aus dem Weg kehren und ihnen nicht das Recht zugestehen, Fehler und schlechte Erfahrungen zu machen. Woher kommt ihre Kraft? Als fünftes von sechs Geschwistern musste die Wahl-Kirchdorferin als Kind viel arbeiten. „Aber uns wurde das Gefühl vermittelt, dass es ohne uns nicht geht. Und das war wunderbar.“
Ihre eigenen Kinder habe sie auch zur Arbeit eingespannt, erzählt sie, „aber dann haben wir es uns auch wieder gutgehen lassen. Toamas glei, dånn håmmas glei, des wår insa Motto.“
Gestalten, Freiheiten nehmen
Es habe Zeiten gegeben, da wollte kaum jemand mehr Bauer oder Bäuerin werden, das war „uncool“, weiß Helga. Doch das habe sich geändert. Es gebe wieder mehr Wertschätzung für die Möglichkeit, seinen Lebensraum selbst zu gestalten. „Es wachsen junge Leute heran, die das Verständnis dafür haben, dass es etwas Besonderes ist, wenn man etwas hat, etwas besitzt. Auch wenn dieser Besitz einigen Aufwand mit sich bringt. Für diese Kostbarkeit ist mehr Bewusstsein da.“
Am Binderhof lebt derzeit ein Dutzend Milchkühe. Sohn Michael wird den Hof übernehmen, er und seine Frau Nina sind inzwischen eingezogen. „Die beiden werden wahrscheinlich ein anderes Konzept fahren, aber das ist OK. Das macht mir grad gar nichts mehr aus, vor fünf Jahren wäre das noch anders gewesen“, sagt Helga und fügt hinzu: „Wir müssen schauen, dass wir vom Gas runterkommen und den Jungen den Raum geben, sich zu entfalten. Sie müssen Freude haben an dem, was sie tun.“
Helga hatte sie immer, diese Freude am Bäuerin-Sein. An der Möglichkeit, sich – innerhalb eines Rahmens – die Zeit selbst einzuteilen, zu gestalten, sich auch Freiheiten herauszunehmen. Im Sommer leistete sich die Familie den Luxus, wie es Helga nennt, die Kühe auf die Alm zu bringen, wo sie mitgemolken wurden. „Für uns bedeutete das, dass wir Reisen unternehmen und freie Zeit mit den Kindern genießen konnten.“
Mehrmals in ihrem „öffentlichen“ Leben besetzte Helga Positionen, die zuvor nur Männer innehatten. Zum Beispiel war sie mit Anfang 30 die erste Bezirkskammerobmannstellvertreterin. Das Gefühl, als Frau nicht ernst genommen zu werden, hatte sie nie. „Eher hatte ich anfangs mit mir selbst ein Problem, mit meinem Selbstbewusstsein. Aber das ist schnell gewachsen.“ Dank der Funktionen, die sie ausübte, entwickelte sie sich als Person weiter und wuchs an ihren Aufgaben. Und wer schaute auf den Nachwuchs, wenn sie – oft auch abends – unterwegs war? „Kinder haben schon auch Väter“, sagt sie mit Nachdruck. „Die Betreuung muss beide Elternteile betreffen.“ Allerdings sei das auch bei den Bäuerinnen ein noch ausbaufähiger Bereich. „Da sind wir noch nicht weit genug gekommen, wir Frauen“, sinniert sie und schaut hinüber zum Kitzbüheler Horn, das an jenem Herbsttag zum Greifen nah scheint. Die Landesbäuerin wird ihren Weg unbeirrbar fortsetzen. Und dabei weiterhin alles mitnehmen, was das Leben bringt.
Doris Martinz
