Die neue Leiterin der Polytechnischen Schule in St. Johann, Karin Schwingenschlögl, über ein wichtiges Orientierungsjahr.
Vielleicht ist kein anderer Schultyp mit so vielen Vorurteilen behaftetet, wie die Polytechnische Schule oder „das Poly“, wie man den Schultyp umgangssprachlich nennt. Die neue Leiterin des Poly in St. Johann weiß das nur zu gut. Karin Schwingenschlögl kämpft dagegen an, seit sie Lehrerin ist. Ihre berufliche Laufbahn begann im Jahr 2000 im Poly in Brixen im Thale. Poly-Lehrkräfte, erklärt die Schulleiterin, seien anders gestrickt als andere Pädagog:innen: Pragmatisch, flexibel und bereit, auch einmal ein Fach zu unterrichten, in dem man selbst nicht ausgebildet wurde. „Bei dem großen Fächerkanon und all den Fachbereichen geht das gar nicht anders.“
Vor drei Jahren, als die Polytechnische Schule in Brixen aufgrund gesunkener Schüler:innenzahlen geschlossen wurde, wechselte Karin Schwingenschlögl nach St. Johann. „Einmal Poly, immer Poly, so heißt es, und so ist es auch bei mir“, sagt sie dazu. Im Herbst 2025 übernahm sie die Schulleitung von Katrin Winkler, die Direktorin an der Mittelschule Kitzbühel wurde.
Die Schule für Praktiker:innen
Das Team der Polytechnischen Schule St. Johann sieht seine Hauptaufgabe darin, junge Menschen auf das Leben vorzubereiten. „Von vielen Absolventinnen und Absolventen bekommen wir zu hören, dass sie bei uns endlich das Gefühl haben, zu lernen, was sie wirklich brauchen“, erzählt Schwingenschlögl. Natürlich gebe es einen Lehrplan, den es einzuhalten gelte. Darüber hinaus jedoch legt man viel Wert auf Persönlichkeitsentwicklung und Wertevermittlung. „Wenn du die Schüler:innen auf Beziehungsebene erwischst, ist das ein ganz tolles Arbeiten.“
Natürlich findet man auch im Poly Jugendliche, die in einer höheren Schule sitzen könnten, sich aber bewusst für eine Lehre und ein neuntes Schuljahr im Poly entscheiden. Für den Großteil der Schüler:innen jedoch ist die Matura kein Thema, sie gehen einfach nicht gerne zur Schule und sind eher praktisch veranlagt. „Zum Glück gibt es auch diese Jugendlichen noch, wir brauchen sie angesichts des Fachkräftemangels ganz dringend. Es sind junge Menschen, die Freude daran haben, mit ihren Händen zu arbeiten. Die ihre Erfüllung darin finden, etwas zu erschaffen, zu kreieren. Die super fleißig sind. Aber halt nicht die geborenen Schüler:innen.“ Für sie brauche es das Poly, so die Schulleiterin. 85 Absolvent:innen zählt man derzeit in St. Johann. „Viel zu wenig, um dem Fachkräftemangel zu begegnen“, weiß Schwingenschlögl. Das sei kein schulisches, sondern ein gesellschaftspolitisches Problem: Das Poly kämpft um sein Ansehen. Dabei hat die Schule viel zu bieten.
Wer suchet, der findet
Wohl kein anderer Schultyp wartet mit so viel Orientierung und dank der Schnuppertage mit so vielen Möglichkeiten auf, sich in den verschiedensten Berufen und Fachbereichen auszuprobieren. „Eigentlich sollten alle Jugendlichen die Polytechnische Schule besuchen. Bei uns lernen sie sich selbst gut kennen, sie erleben ihre Stärken und Schwächen und gewinnen in diesem Jahr Sicherheit, wohin sie der weitere Weg führen soll. Das gilt auch für die Wahl der weiterführenden Schule, nicht alle unsere Absolvent:innen entscheiden sich für eine Lehre“, weiß Schwingenschlögl. Soll es die Lehre sein, mangelt es nicht an offenen Stellen – abgesehen von speziellen Nischen. „Wir kooperieren mit 200 Betrieben in der Region. Wer arbeiten will, der findet Arbeit, dieser Ansicht bin ich.“
Was hat sich im Arbeitsalltag der 46-Jährigen geändert, seitdem sie der Schule als Leiterin vorsteht? „Zum Glück war Katrin noch bis November letzten Jahres da und hat mich gut vorbereitet. Das große Ganze ist schon herausfordernd“, so die Kitzbühelerin. Nach wie vor unterrichtet sie auch selbst noch in den Klassen: „Es ist wichtig, an den Jugendlichen dranzubleiben, und auch an der Schulrealität.“
Diese Schulrealität, sie hat sich in den letzten Jahrzehnten gewandelt. Inwieweit ist dies im Poly zu spüren? Der Wissensstand der Jugendlichen, die ihr letztes Schuljahr im Poly absolvieren, sei merklich gesunken, sagt Karin Schwingenschlögl. Auch im digitalen Bereich. Zwar seien die jungen Leute den älteren beim Umgang mit Handy und Computer überlegen, in der Anwendung der Informatik – zum Beispiel beim Konfigurieren von Texten oder Arbeiten mit Excel-Tabellen – würden sich die Schüler:innen jedoch schwertun. „Wir haben da einen ganz klaren Bildungsauftrag und nehmen diesen auch sehr ernst.“
Erfolgreiche Absolvent:innen
Geändert habe sich generell die Einstellung zur Arbeit, so Schwingenschlögl. Sei es früher selbstverständlich gewesen, dass alle Schüler:innen schon kurz nach Schulbeginn ihre Praktikas in den Betrieben fixiert hätten, sei das nun schwieriger zu bewerkstelligen. Es gebe sogar Anfragen seitens mancher Schüler:innen, ob sie als Lehrlinge Anspruch auf Teilzeitbeschäftigung oder Viertagewoche haben. „Influencer und Blogger machen im Internet vor, wie einfach es ist, mit wenig Arbeit viel Geld zu verdienen. Das erscheint verlockend und verzerrt den Blick für die Realität.“ Es gebe aber nach wie vor auch viele leistungsbereite junge Leute, die anpacken und für ihr Geld arbeiten wollen. Sie sind in der Polytechnischen Schule gut aufgehoben. „Viele sagen nach dem Jahr bei uns, es sei das lässigste in ihrem Leben gewesen, in dem sie viel für später gelernt haben“, freut sich die Schulleiterin. Nicht wenige ihrer ehemaligen Schüler:innen sind erfolgreiche Unternehmer:innen geworden, die nun ihrerseits Lehrlinge ausbilden. „Diese Tatsache macht uns glücklich und auch ein bisschen stolz“, so Schwingenschlögl. Sie sollte uns alle dazu anregen, Vorurteile abzubauen …
Doris Martinz
Fachbereiche
• Metall
• Bau
• Gesundheit, Schönheit und Soziales
• Tourismus
• Elektro
• Holz
• Büro/Handel
